Predigt im Altenberger Dom

Predigttext: 1. Mose 11, 1 - 9

1 Alle Menschen hatten die gleiche Sprache und gebrauchten die gleichen Worte.
2 Als sie von Osten aufbrachen, fanden sie eine Ebene im Land Schinar und siedelten sich dort an.
3 Sie sagten zueinander: Auf, formen wir Lehmziegel und brennen wir sie zu Backsteinen. So dienten ihnen gebrannte Ziegel als Steine und Erdpech als Mörtel.
4 Dann sagten sie: Auf, bauen wir uns eine Stadt und einen Turm mit einer Spitze bis zum Himmel und machen wir uns damit einen Namen, dann werden wir uns nicht über die ganze Erde zerstreuen.
5 Da stieg der Herr herab, um sich Stadt und Turm anzusehen, die die Menschenkinder bauten.
6 Er sprach: Seht nur, ein Volk sind sie und eine Sprache haben sie alle. Und das ist erst der Anfang ihres Tuns. Jetzt wird ihnen nichts mehr unerreichbar sein, was sie sich auch vornehmen.
7 Auf, steigen wir hinab und verwirren wir dort ihre Sprache, sodass keiner mehr die Sprache des anderen versteht.
8 Der Herr zerstreute sie von dort aus über die ganze Erde und sie hörten auf, an der Stadt zu bauen.
9 Darum nannte man die Stadt Babel (Wirrsal), denn dort hat der Herr die Sprache aller Welt verwirrt, und von dort aus hat er die Menschen über die ganze Erde zerstreut.


Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen


Liebe Gemeinde,

in den beiden Lesungen, die wir eben gehört haben, treten uns zwei Lebenshaltungen entgegen, die trotz des hohen Alters beider Geschichten ganz aktuell sind:

Da sind zunächst die Menschen von Babel. Sie stehen am Anfang der technischen Entwicklung der Menschheit. Und doch ist an diesem Anfang schon erkennbar, was Menschheit und Technik bis heute ausmachen. Zunächst machen sie eine Entdeckung. Es heißt, sie sagten zueinander: „Auf, formen wir Lehmziegel, und brennen wir sie zu Backsteinen.“ So dienten ihnen nicht mehr Lehm, sondern als Neuerung gebrannte Ziegel als Steine. Aber bei dieser Entdeckung bleibt es dann nicht. Die Geschichte geht weiter. Dann sagten sie: „Auf, bauen wir uns eine Stadt und einen Turm mit einer Spitze bis zum Himmel, und machen wir uns einen Namen, dann werden wir uns nicht über die ganze Erde zerstreuen.“

Die neuen technischen Möglichkeiten müssen ausgenutzt werden, nicht nur, um technische Probleme zu lösen, sondern um die Fragen des Lebens selbst zu lösen. Alle sind sich in Babel einig: Der Turm soll bis zum Himmel reichen, dorthin also, wo nach antiker Vorstellung Gott selbst wohnt, wo die Kräfte des Glücks und des Wohlergehens, wo die Quelle des Lebens selbst zu Hause ist.

Der Turm soll gebaut werden, um Zugang zu bekommen zum wahren und erfüllten Leben. Der Turm soll außerdem auch noch gebaut werden, um sich einen Namen zu machen, um bekannt zu werden, und um im Wechselspiel der Geschichte nicht vergessen zu werden und unterzugehen, sondern um in die Geschichte einzugehen und so dem Leben Sinn zu geben.

Die Technik, die neue Möglichkeiten schafft, soll also nicht nur genutzt werden, um Probleme zu lösen und das Leben der Menschen zu erleichtern, sondern sie bekommt selbst eine neue Qualität: Sie soll die Quellen des Lebens verfügbar machen und den Menschen Sinn und Glück verschaffen.

Ich denke, wir Menschen haben in uns einen Drang, das Glück unseres Lebens, den Sinn und die Erfüllung unseres Lebens selbst herstellen zu wollen. Und wir glauben auch weithin, dass dies möglich ist, dass es nämlich allein in unserer Hand liegt, ob unser Leben gelingt oder misslingt. Jeder ist selbst seines Glückes Schmied, so heißt die Losung dieser Lebenshaltung.

Seit dem Turmbau von Babel sind tausende von Jahren vergangen, aber die Grundhaltung, die hinter diesem Unternehmen steckt, ist heute mächtiger und tiefer denn je in uns modernen Menschen eingewurzelt.

Wir bekommen sie täglich in der Werbung so verführerisch und einschmeichelnd vorgesprochen, dass sie unser Denken und Fühlen prägt, ohne dass uns das so richtig bewusst wird: "Nichts ist unmöglich!" sagt uns diese Flüsterstimme, die schon damals die Menschen von Babel angetrieben hat.

Mach nur dies und das, kaufe nur dies und das , und du wirst glücklich. Das Glück ist machbar, das erfüllte Leben ist erreichbar, das Paradies ist zum Greifen nahe, du kannst es selbst in den Griff kriegen, du musst nur das richtige Auto kaufen, die richtigen Kleider tragen oder die richtigen Produkte essen. Das Glück ist machbar, du musst nur im Trend gehen, die richtigen Dinge aus dem Regal ziehen, das richtige Rezept anwenden.

Der Machbarkeitswahn, der hinter dieser Haltung steckt, hat auch schon lange unser Wirtschaften erfasst.

Es geht schon lange nicht mehr darum, lebensnotwendige Bedürfnisse zu stillen, Menschen Nahrung, Kleidung und Wohnung zu schaffen, oder eine sinnvolle Tätigkeit auszuüben – bei einem Großteil der Menschheit werden diese Bedürfnisse nicht im geringsten erfüllt.

In der Sprache unserer Zeit geht es vielmehr darum, immer mehr Geld und Vermögen anzusammeln, und Macht zu haben. „Wachstum“ heißt das Zauberwort, dem sich alle Weisen unserer Tage verpflichtet fühlen. Warum?

Weil das offenbar Glück und Erfüllung bringen soll. Und – wenn man ehrlich ist – weil man sich so einen Namen macht. Und wir alle sind mitten drin in dem großen Wettbewerb, des „schneller, weiter, höher.“ Wir als Kontinent, wir als Staat und Gesellschaft und wir als Einzelkämpfer in diesem System. Heute wird nicht nur ein Turm in den Himmel gebaut, sondern viele Türme und jeder meint, er müsse schneller und höher und prächtiger bauen als der andere.

Wohin dieser auf die Spitze getriebene Machbarkeitswahn führt, braucht man eigentlich nicht groß auszuführen. Alt-Werden und Krank-Werden ist in unserer Gesellschaft zu einem Problem geworden, denn wer alt und krank ist, scheint ausgeschlossen vom Glück des Lebensgenusses. Arbeitslosigkeit bei uns und Verelendung in vielen Ländern dieser Welt sind die Kehrseite von einem globalisierten Streben nach Kapitalvermehrung, das wird inzwischen auch uns wohlstandsverwöhnten Deutschen zunehmend bewusst.

Der Machbarkeitswahn, eben der Versuch, das Leben selbst gewinnen zu wollen, das Glück verfügbar zu machen und zu sichern, dieser Machbarkeitswahn zerstört das Leben und wendet sich am Ende gegen uns selbst.

Die Menschen in Babel haben schon diese Erfahrung gemacht. Sie erreichten mit dem Turmbau genau das Gegenteil von dem, was sie eigentlich vorhatten:


Sie werden zerstreut, ihre unterschiedlichen Sprachen verwirren sie, und schließlich können sie an ihrem Turm – dem obersten Wunschprojekt – nicht mehr weiter bauen.

„Es soll nicht durch Heer oder Macht geschehen“ – so heißt es in dem biblischen Losungswort, das dem Pfingstfest zugeordnet ist.

Das Glück dieser Erde, das erfüllte und sinnvolle Leben, lässt sich nicht machen, nicht mit Gewalt und auch nicht mit aller Macht der Erde. Sondern – und so fährt dieses Losungswort fort – es soll geschehen durch meinen, nämlich Gottes Geist.

Und so wird die Pfingstgeschichte, die von der Ausgießung des Heiligen Geistes über die Jüngerinnen und Jünger Jesu erzählt, zur Gegengeschichte, die uns Auswege aufzeigt aus dem selbstzerstörerischen Machbarkeitswahn.

Und darum ist diese Pfingstgeschichte so wichtig, gerade für uns Menschen heute.

Diese Geschichte setzt damit ein, dass die Jüngerinnen und Jünger Jesu beieinander sind und auf das warten, was Jesus ihnen versprochen hat: auf das Erfülltwerden mit Heiligem Geist.

Da sind Menschen, die nicht das Leben selbst in den Griff nehmen, die nicht denken, es läge alles immer nur an ihnen, die nicht aktiv werden und alles unter Kontrolle bringen wollen, sondern Menschen, die zunächst warten können, die noch damit rechnen, dass etwas von außen her mit ihnen geschieht, die passiv sein können und bereit sind, auch etwas empfangen zu können.

Die Gegenhaltung zum Machbarkeitswahn Babels ist eine Haltung des Empfangens. Und sie entspringt der christlichen Grundüberzeugung, dass wir uns das Leben nicht selbst geben können.

Die Haltung des Empfangens versucht, das Glück nicht zu machen, sondern zu empfangen. Menschen, die in dieser Haltung leben, rechnen damit, dass sie letztlich von Kräften getragen werden, die von außen her, von Gott, dem Ursprung des Lebens, her kommen, und nicht von Kräften, die sie selbst haben oder selbst hervorbringen.

Weil sie damit rechnen, dass von Gott her etwas mit ihnen geschieht, dass ihnen das wahre Leben zufließt oder zuströmt, können sie warten, schaffen sie Pausen in ihrem Leben, in denen sie warten und sich öffnen für diese Kraft von außen.

Auch der Sonntag und die Feiertage schaffen uns Pausen im alltäglichen Machbarkeitsrausch, Pausen, in denen wir uns daran erinnern können, dass wir nicht aus eigener Kraft leben, sondern von dem, was wir empfangen, Pausen, in denen wir uns öffnen können für die Kraft Gottes, sei es durch den Kirchgang, sei es durch einen Spaziergang, sei es durch gemeinsam in der Familie verbrachte Zeit.

Die Kultur des Machens und des Wachstums will solche Pausen auch noch übernehmen und sich unterwerfen. Der Sonntag und die Feiertage sind ein Stopp-Zeichen, das uns daran erinnern kann, dass der Mensch mehr ist als das, was er selbst aus seinem Leben zu machen vermag.

Es mag sein, dass wir mit geöffneten Läden am Sonntag mehr Einkaufs- und Konsummöglichkeiten gewinnen, aber wir verlieren etwas, was der Sonntagseinkauf niemals aufwiegen kann, die Erinnerung, dass wir nicht von dem leben, was wir einkaufen und erwerben, sondern von dem, was uns geschenkt wird.

Unsere Welt des Machens, des Wachstums braucht also Grenzen und Auszeiten, die den Machbarkeitswahn in seine Grenzen verweisen, die Technik, Wirtschaft und Konsum so begrenzen, dass sie dem Leben dienen und es nicht beherrschen, Es braucht Grenzen und Auszeiten, die uns davor bewahren, den Ast abzusägen, auf dem wir sitzen.

Unsere Welt des "Nichts ist unmöglich" braucht Zeiten und Orte, an denen nicht alles gemacht wird, was möglich ist, sondern an denen aus dem Empfangen gelebt wird.

Das wahre Leben, Glück, Sinn und Erfüllung, finden wir wie die Jüngerinnen und Jünger Jesu, die plötzlich von diesem machtvollen Brausen des göttlichen Geistes erfüllt werden. Wir können das wahre Leben nicht selbst machen, wir können es nur empfangen.

Und unsere Welt lebt davon, dass sich nicht nur Menschen, deren Sprache verwirrt ist und die sich nicht mehr verstehen, über die ganze Welt verstreuen, sondern dass es immer wieder auch Pfingsten wird unter uns, und dass wir Menschen die göttliche Kraft, die an uns und in uns und durch uns wirkt, geschenkt bekommen.

Unsere Welt lebt davon, dass sich durch diese göttliche Kraft Menschen auch über Sprachgrenzen hinweg verstehen. Denn die Sprache Gottes ist die Sprache der uneingeschränkten Liebe, die schenkt ohne zu erwarten.

Unsere Welt lebt davon, dass der Geist von Pfingsten stärker ist als der Geist von Babel. Und wäre das nicht so, wäre unsere Welt schon lange vergangen.

Denn es soll nicht durch Heer oder Kraft geschehen, sondern durch meinen Geist - spricht der Herr Zebaoth.“

Ich wünsche uns und unserer Welt diesen heiligen Geist, der uns befähigt, Leben und Einstellungen zum Leben zu verändern.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alles, was menschliche Vernunft sich erdenkt, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen