Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen
Liebe Gemeinde,
heute treffen 62,2 Millionen Menschen in Deutschland eine Entscheidung: Gebe ich meine Stimme ab oder nicht? Und wenn ja, welche Partei wähle ich? Der Wahl zum 17. Deutschen Bundestag, so sagen manche, ist der teuerste Wahlkampf aller Zeiten vorausgegangen. Zur Rettung von Banken, Stützung der Wirtschaft und Ankurbelung des Konsums sind viele Milliarden ausgegeben worden.
Deshalb warten viele Menschen auf die Normalzeit nach dem Wahlkampf. Sie wollen keine Wahlprognosen mehr hören. Manche glauben zu wissen, dass ihnen von der Regierung nicht die ganze Wahrheit über das Ausmaß der Krise gesagt worden ist. Sie haben Angst vor zusätzlichen Belastungen und Einschränkungen. Ab Montag wird sich auch herausstellen, welche Wahlversprechen eingehalten werden, was machbar ist und was einfach nur hohles Geschwätz oder gar Lüge gewesen ist.
Nicht nur bei der Bundestagswahl ist unser Leben davon geprägt, Entscheidungen zu treffen, ob wir wollen oder nicht: Kleine und große. Keine Entscheidung ist trotzdem immer auch eine Entscheidung. Nämlich eine Entscheidung für eine Unterlassung. Abzuwarten (und Tee zu trinken) oder etwas auszusitzen, zeugt nicht immer von Geduld und Weisheit. Es kann sich dabei auch schlicht um Feigheit, Faulheit und Dummheit handeln.
Selten können wir in unserer komplexen Welt die exakten Folgen unserer Entscheidung richtig einschätzen. Wir sind ständig in der Gefahr, etwas falsch zu machen. Wir verstehen viele Zusammenhänge nicht. Und manche unverständliche Entscheidung erweist sich nach längerer Zeit erst als die einzig richtige.
Einer, der mit seinen Entscheidungen besonders aneckte, war Jesus. Was er tat, war oft im ersten Moment nicht nachvollziehbar. Und dann forderte er die Menschen um sich herum immer wieder auch zu Entscheidungen auf, die ihr ganzes Leben umkrempeln sollten.
In dem Predigttext für den heutigen Sonntag geht es dabei sogar um Entscheidungen um Leben und Tod.
Jesus soll zum Lager seines im Sterben liegenden Freundes Lazarus kommen, aber er zögert und kommt erst, als Lazarus schon drei Tage tot ist. Und dann berichtet der Evangelist von dieser fast Hollywood-reifen Szene, wie der tot geglaubte Lazarus mit Leinentüchern umwickelt aus dem Grabe heraustritt. Ein Durchbrechen des Todes und ein Ruf zurück ins Leben, kein Vertrösten auf das ewige Leben nach dem Tode, sondern ein Aufruf zum Leben, jetzt und hier!
Mit der biblischen Erzählung der Erweckung des Lazarus – es ist das siebente und letzte Wunder im Johannesevangelium – wird der absolute Höhepunkt und der hochdramatische Abschluss der Wundergeschichten erreicht. Was hier geschehen ist, das war schon damals den Pharisäern und Schriftgelehrten einfach zu viel des Guten; damit stand das Todesurteil Jesu fest, noch ehe der Prozess um Jesus begonnen hatte.
Vielleicht mag sich jetzt manch einer von Ihnen im Stillen fragen, was denn diese Wundergeschichte uns heutigen aufgeklärten Menschen eigentlich noch zu sagen hat. Uns Menschen, die wir im Zeitalter von Wissenschaft und Technik leben. Wundern gegenüber haben wir eine zumindest kritischere Haltung als noch unsere Großeltern hatten.
Was kann also mit dieser Wundererzählung gemeint sein, und worin findet sich ihre Bedeutung für uns heute?
Im Neuen Testament hängt das Wunder immer mit dem Glauben an Jesus Christus als den Heiland und Sohn Gottes zusammen. Häufig genug heisst es dann: Gott konnte hier kein Wunder wirken, weil man nicht an ihn glaubte.
Wunder zu erleben hängt dann also auch mit unserer Einstellung zusammen, ob wir es Gott zutrauen, ein Wunder geschehen zulassen.
Glaube ist damit nicht blinder Glaube, der dann einsetzt, wenn ich nicht mehr weiter weiss, oder wenn ich für etwas keine Erklärung mehr habe, sondern Glaube an Gott ist schließlich eine Frage des entschiedenen Grundvertrauens, eines Vertrauens nämlich, das unsere ganze Existenz betrifft. Wir Menschen sind auf ein solches Vertrauen angewiesen.
Vertrauen ja – aber worauf ?? Bei Kindern ist das noch ganz einfach, sie entscheiden sich grundsätzlich dazu, erstmal ihren Eltern zu vertrauen, sogar wenn sie schlecht von ihnen behandelt werden.
Aber wir Erwachsene lehnen jedes bedingungslose Vertrauen ab. Denn wir Menschen heute verlassen uns gern und ausschließlich auf das eigene Ich, auf die eigene Person und auf die Dinge, die wir selber geschaffen haben, wie Zivilisation, Technik , materiellen Reichtum. Auf diese Weise vertrauen Menschen damit gerade auf das Vergängliche im Leben.
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Wie schnell können Menschen zu Sklaven werden dessen, was sie selber hervorgebracht haben; Sklaven ihres Besitzes, Sklaven der Technik, Sklaven durch ein Vertrauen auf etwas, das verrostet, veraltet, vermodert. Wie wankend und unsicher das Leben sprichwörtlich von einem Tag auf den anderen Tag werden kann, wissen wir nicht erst seit dem Börsencrash oder dem Untergang der Titanic, wo nicht nur symbolisch ein blinder Fortschrittsglaube unterging.
Vertrauen auf Gott aber meint etwas anderes. Er meint das Vertrauen auf den Ursprung unseres Lebens, auf einen Gott nämlich, der Leben wachsen und gedeihen lässt, auf einen Gott, der den Menschen aus seiner Enge und Endlichkeit hinausführen will, herausführen aus seiner kleinkarierten Egozentrik und Ichsucht und Fortschrittsglaube, aller „Weiter so“.
Der Glaube an Gott eröffnet damit weite Horizonte und Dimensionen, eine ganz andere Perspektive auf unser Leben, weil er nicht bei uns selbst, sondern beim Glauben an einen allgegenwärtigen Schöpfergott ansetzt. Dazu ruft uns Jesus auf, an diesen Gott zu glauben.
Wenn Jesus Marta vertrauensvoll zuspricht: ,,Dein Bruder wird auferstehen“, dann glaubt sie ihm.
Und wenn Jesus sagt: ,,ich bin die Auferstehung und das Leben“, dann meint er damit nicht nur die Auferstehung nach dem Tode, sondern auch die Auferstehung, die bereits im Leben beginnt, also eine Auferstehung, die sich im diesseitigen Leben, jetzt in unserer Gegenwart ereignet.
Seine Reaktion auf die beiden Schwestern und die umstehenden Juden ist recht schroff; in einer genauen Übersetzung heisst es: ,,er war zutiefst empört“ , also durchaus ein stark negatives Gefühl, und zwar deshalb, weil sie ihm nicht glauben. Darin zeigt sich für Jesus das Fehlverhalten des Menschen, oder biblisch ausgedrückt, die Sünde des Menschen, die darin besteht, dass sie nicht an ihn glauben. Ich denke, dass ist der Kern der Geschichte.
Jesus geht es im Johannesevangelium darum, Gottes zukünftiges Reich schon jetzt, hier und heute in dieser Welt sichtbar werden zu lassen, denn unser Leben ist auf das Reich Gottes hin ausgerichtet, so wie Paulus uns sagt: ,,Von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge.“ (Röm 11,36)
Dieses Wunder der Auferweckung des Lazarus geschieht nicht wie in vielen anderen Wundererzählungen dadurch, dass Jesus selber heilt, indem er die Hand auflegt, sondern indem er zu Gott betet: ,,Vater ich danke dir, dass du mich erhört hast..... damit sie glauben, dass du mich gesandt hast.“
Die Erzählung steht für die innige Beziehung zwischen Vater und Sohn; sie spricht von der Kraft des Gebetes, das in der Situation der vollkommenen Hoffnungslosigkeit seine Wirkung entfaltet, und sie spricht von der Lebenskraft Jesu Christi, der auch dann noch helfen kann, wenn alles verloren und aussichtslos erscheint.
Wenn Jesus Lazarus vom Tod ins Leben ruft, dann geschieht dies nicht nur deshalb, um damit Gottes Macht zu beweisen, sondern um Menschen zum wahren Leben im Hier und Jetzt zu rufen. Die Geschichte soll auch uns ermutigen zur Entscheidung, unser Leben unter Gottes Leitung zu wagen. Wenn Gott Menschen zum Leben ruft, dann wird damit auch gesagt und gezeigt, dass Menschen sich nicht selber das Leben geben können, sondern auf Gottes Zuwendung und Gnade angewiesen sind. Wenn Gott an uns handelt, dann erfahren wir seine Treue. Gott – der Vater Jesu Christi, ist ein Gott des Lebens, der den Menschen über sein eigenes Ich hinausführen will.
Um dies begreifen und glauben zu können, müssen wir lernen, das Außergewöhnliche, die Wunder in unserem Alltag staunend und wundernd wahrzunehmen. Man muß auch Augen haben, um Wunder und Wunderbares sehen und wahrnehmen zu können.
Ich denke, die wirklichen Wunder ereignen sich immer wieder auch in unserem Leben, und ein Stück von Lazarus könnte auch in uns sein – denn es gibt Auferstehung aus der Verzweiflung, es gibt Auferstehung aus den Tragödien des Alltags, es gibt die Auferstehung aus zerstörtem Leben.
„Lazarus, komm heraus aus deinem Grab“ – Jesus Christus ruft Lazarus, aber auch uns, immer wieder zu dem Leben, das Gott für uns vorgesehen hat.
„Ich bin die Auferstehung und das Leben, Wer mich annimmt, wird leben auch wenn er stirbt. Glaubst du mir das?“, fragt Jesus Marta. Und sie antwortet: „Ja, ich glaube, dass du der versprochene Retter bist, der Sohn Gottes.“ – Marta hat ihre Wahl getroffen und sich entschieden.
Ich wünsche uns allen eine gute Wahl, wenn es um das Kreuz auf dem Stimmzettel geht, und ich wünsche uns die Entschiedenheit und den Mut von Marta bei der Wahl unserer Lebensgrundlage und Perspektive – vielleicht die wichtigere Wahl. Amen
Und der Friede Gottes, der höher ist als alles, was menschliche Vernunft sich erdenkt, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus
Amen
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