Predigt im Altenberger Dom

Predigttext: Römer 5, 1-5

1 Gerecht gemacht aus Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn.
2 Durch ihn haben wir auch den Zugang zu der Gnade erhalten, in der wir stehen, und rühmen uns unserer Hoffnung auf die Herrlichkeit Gottes.
3 Mehr noch, wir rühmen uns ebenso unserer Bedrängnis; denn wir wissen: Bedrängnis bewirkt Geduld,
4 Geduld aber Bewährung, Bewährung Hoffnung.
5 Die Hoffnung aber lässt nicht zugrunde gehen; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und von dem Herrn Jesus Christus.

Liebe Gemeinde,

ist sie ihrer Verantwortung gerecht geworden? Ihrem Amt, ihrer Aufgabe? Ist sie ihren so hohen Ansprüchen an sich und andere gerecht geworden? Solche Fragen stellen sich diese Woche viele in Deutschland, nicht nur evangelische Christen, nach den Schlagzeilen um die inzwischen zurückgetretene Bischöfin und EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann.

Es ist nicht meine Aufgabe, in einer Predigt ein unverständliches Handeln zu kommentieren, dessen mögliche Hintergründe – wenn es sie denn gibt – ich natürlich nicht kennen kann. Ich möchte vielmehr über uns reden und über unsere Reaktion darauf.

Dass eine evangelische Bischöfin – zunächst mit ihren Predigten und Mahnungen – und nun mit ihrer Trunkenheitsfahrt so viel Aufmerksamkeit erregt, dass selbst ausländische Medien über sie berichten, zeugt von einem besonderen Interesse an der Person, das weit über ihr Amt hinausgeht.

Wie kommt es zu diesem Interesse? Wie kommt es – abgesehen von allem Sensationsjournalismus – auch zu diesem Erschrecken, und diesem Bedauern? Es ist ja schließlich nicht das erste Mal, dass es den Anschein hat, ein in der Öffentlichkeit präsenter Mensch ist seiner Aufgabe nicht gerecht geworden. Das passiert andauernd. Auch mit Kirchenmenschen. Mir scheint, dann ist der Schock sogar noch größer als bei Politikern, Popstars oder Filmemachern. Bei denen kann man gut trennen zwischen der Person und dem, was sie in ihren Berufen leisten. Ein bayrischer Politiker konnte nach einem durch seine Trunkenheit verursachten Unfall mit Todesopfer später sogar noch Minister werden.

Aber nun ist da jemand an der Spitze einer Kirche, eine auch bei Gegnern anerkannte fromme und kluge Frau, die einen schweren Fehler macht und einen Tag nach Bekanntwerden zurücktritt – und das Echo in den Medien und der Gesellschaft ist riesengroß.

Es scheint beinahe, wir Menschen verarbeiten mit den vielen Reaktionen auf dieses Ereignis vor allem das, was uns selbst verloren gegangen ist: ein Stück heile Welt. Wir wollen so gerne daran festhalten, dass nicht alles kaputt ist, dass es wirklich Menschen gibt, die nur gut sind, die ihren Aufgaben und ihren Mitmenschen gerecht werden, und die uns für unser Leben zeigen: es geht, es ist möglich, vielleicht kein perfektes, aber ein anständiges Leben zu führen, Menschen eben, die uns Vorbild darin sind, gut zu sein. Diesen Traum von der heilen Welt, den werden wir nicht los. Und er wird uns täglich durch die Medien und sonstigen Meinungsmachern in unserem Land vorgegaukelt.

Die Bibel ist da realistischer. Sie weiß: Die „heile Welt“ gibt es nicht. Kein Mensch wird der Bestimmung gerecht, zu der Gott uns geschaffen hat. Wir sind nach Gottes Bild geschaffen. Wir sollen in einer engen Beziehung zu ihm leben. Mit ihm reden über das, was uns beschäftigt, auf ihn hören, und so nach seinem Willen leben. Doch wir Erwachsene lassen uns am Ende genauso ungern wie ein Konfirmand sagen, was wir zu tun und zu lassen haben. Wir wollen selbst über unser Leben bestimmen und unsere eigenen Herren sein.

Was dabei mitunter herauskommt, ist dann schon mal peinlich. In diesem Fall folgt dem bischöflichen Aufruf zur Fastenaktion „Sieben Wochen ohne“ nur wenige Tage später die trunkene Autofahrt. Auf frischer Tat ertappt! – Unglaubwürdig und damit peinlich! „Wasser predigen und sprichwörtlich Wein trinken“.

Wir Menschen leben Ewigkeiten weit weg von Gott. Auch die Frömmsten unter uns. Darin unterscheiden wir uns nicht, egal wie angesehen oder anständig oder fromm wir sonst wirken. Doch wir brauchen gar nicht auf andere zu schauen. Wir sind doch selber die besten Beispiele. Wir wollen anständig und hilfsbereit sein und Vorbild für andere. Aber wenn wir ehrlich in uns hineinschauen, dann können wir sehen, wozu wir fähig wären, wenn’s nur erlaubt wäre oder wir nicht erwischt würden. Und das gilt bei weitem nicht nur für das Übertreten von Promillegrenzen oder die ehrliche Steuererklärung. Heile Welt sieht anders aus.

Wir können versuchen, Gottes Anspruch gerecht zu werden. Und vielleicht versuchen wir es ja sogar jeden Tag.

So versucht der eine Mensch, mit vielen guten Taten und mit einem besonders vorbildlichen Leben, diese Kluft zu Gott zu überbrücken. Er ist nett zu seinen Nachbarn, auch den unangenehmen. Er schont die Umwelt, spendet Geld und manchmal Blut. Es wäre gut, es gäbe mehr von der Sorte. Die Welt würde dann besser aussehen. Aber sie würde immer noch nicht heil werden. Wir bleiben auch dann von Gott getrennt.

Ein anderer sagt sich: Ich tue lieber nichts. Wer schläft, sündigt nicht. Ich denke nach über Gott und die Welt, versuche, dem Geheimnis auf den Grund zu gehen, meditiere und bete. Das mag gut tun, aber es löst das Problem nicht.

Ein dritter sehr beliebter Weg ist immer noch die Religion. Ich gehe zum Gottesdienst, lese in der Heiligen Schrift, bete, singe im Chor, trinke keinen Alkohol, versuche, immer mehr von Gott zu erleben. Das alles ist natürlich nicht verwerflich. Es macht uns aber auch nicht besser vor Gott.

Wir können ihm nicht gerecht werden. Darin sitzen wir alle in einem gemeinsamen Boot. Wenn wir uns eingestehen würden, dass in Gottes Augen keiner von uns am Ende besser oder schlechter ist, auch dann bräuchten wir immer noch Gesetze und Bestrafungen für menschliches Fehlverhalten. Es gibt kein einfaches „Schwamm drüber“, „weiter so“, auch nicht bei Gott. Das wäre eine „billige Gnade“.

Im Bewusstsein eigener Schuld und Fehlerhaftigkeit würden wir aber weniger mit dem Finger auf andere zeigen. Wir könnten „Gnade vor Recht“ ergehen lassen, besonders da, wo Menschen scheitern und sich auch zu ihren Fehlern bekennen.

Die Bibel ist voll von Beispielen, wo Menschen, die wirklich nicht das waren, was man landläufig "Heilige" nennt, und / oder gerade deshalb von Gott gebraucht wurden.

Einen ägyptischen Höfling, der zum Totschläger wurde, der fliehen musste und 40 Jahre Schafe weidete, den benutzte Gott, um als Hirte sein Volk aus der Sklaverei in die Freiheit zu führen – Mose. Ein König, der einem Mann die Frau wegnahm und diesen dann in den sicheren Tod schickte – was für die Menschen der Bibel ungefähr gleich schlimm ist – dieser König soll der Stammvater des Sohnes Gottes werden – David. Ein Jünger, der in dem Moment, wo Jesus ihn am meisten gebraucht hätte, kneift und bestreitet, ihn zu kennen, der soll der erste Hirte der Kirche sein – Petrus.

Lauter Menschen, die ihrer Aufgabe, nach Gottes Willen zu leben, nicht gerecht geworden sind, die versagt haben, manchmal kläglich. Aber Gott will sie trotzdem gebrauchen. Warum? Weil Gott ein Auge zudrückt? Weil er auch auf krummen Linien gerade schreibt?

Der Apostel Paulus, der selber viele Fehler gemacht hat, gibt eine andere Antwort. Er schreibt: "Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus."

Das, was uns vor Gott gut macht, gerecht macht und brauchbar macht, ist nicht unsere Leistung. Nicht die sportliche oder asketische, nicht die soziale oder die fromme Leistung.

Wir werden jeden Tag schuldig, an Gott, an unseren Mitmenschen, an uns selber. Und Gott entschuldigt nichts. Es kann auch gar nicht entschuldigt werden. Es kann nur vergeben werden. Das ist es, was Gott tut.

Weil Gott selber Mensch geworden ist, weil er in Jesus Christus auf der Erde gelebt hat, weil er in seinem Tod am Kreuz alle von Gott trennende Schuld endgültig aufgehoben hat, darum können wir in Gottes Augen – trotz allem – gut dastehen. Er lädt uns ein, mit ihm zu leben, und seinen Tod und seine Auferstehung für uns und unser Leben gelten zu lassen. Das ist es, was die Bibel mit dem Wort "Glauben" meint und was uns täglich neu abverlangt wird. Er – der Glaube – ist es, durch den wir bei Gott gerecht werden, welche Fehler wir auch immer gemacht haben.

Und dann geht es bei Paulus weiter, alles andere ergibt sich daraus, wenn er behauptet: "Wir haben Frieden mit Gott durch Jesus Christus". Denn wer das ernsthaft verstanden und verinnerlicht hat, muss nicht mehr wie andere kämpfen.

"Wir rühmen uns der zukünftigen Herrlichkeit“, sagt Paulus. Auch wenn wir im Leben nichts getan haben sollten, worauf wir stolz sein können, das, was Gott uns schenken will, kann uns froh und stolz machen.

Die Vorfreude darauf kann so groß sein, dass der Apostel sogar darauf stolz sein kann, was ihm Menschen Böses antun. Er ist verfolgt, verprügelt und ins Gefängnis gesteckt worden für seinen Glauben an Christus. Und den christlichen Gemeinden seiner Zeit ging es nicht viel besser. Aber sie wussten, wir müssen jetzt vielleicht geduldig sein, aber die Geduld lohnt sich. Denn das Beste kommt noch.

Liebe Gemeinde, ist sie ihrer Verantwortung gerecht geworden? Ihrem Amt? Ihren eigenen Ansprüchen? Werden wir dem gerecht, wozu Gott uns geschaffen hat? Nein, wir alle werden es nicht. Aber Gott selber hat dieses Problem gelöst. Weil er in seinem Sohn Jesus Christus zu uns als Mensch gekommen ist und gestorben und auferstanden ist für alle, die an ihn glauben. Darum können wir als „gescheiterte Heilige“ immer wieder auch zu ihm kommen – im Gebet und in seinem Heiligen Mahl.

Amen

Und der Friede Gottes, der höher ist als alles, was menschliche Gedanken ersinnen, bewahre uns in Jesus Christus, Amen.