Predigt im Altenberger Dom

Predigttext: Jeremia 8, 4-7


4 Du sollst zu ihnen sagen: So spricht der Herr: Wer hinfällt, steht der nicht wieder auf? Wer vom Weg abkommt, kehrt der nicht wieder zurück?
5 Warum wendet dieses Volk sich ab [Jerusalem] und beharrt auf der Abkehr? Warum hält es am Irrtum fest, weigert sich umzukehren?
6 Ich horche hin und höre: Schlechtes reden sie, keiner bereut sein böses Tun und sagt: Was habe ich getan? Jeder wendet sich ab und läuft weg, schnell wie ein Ross, das im Kampf dahinstürmt.
7 Selbst der Storch am Himmel kennt seine Zeiten; Turteltaube, Schwalbe und Drossel halten die Frist ihrer Rückkehr ein; mein Volk aber kennt nicht die Rechtsordnung des Herrn.


Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.


Liebe Gemeinde,

heute am Volkstrauertag gedenken wir der Opfer des letzten Krieges – der Gefallenen ebenso wie der Hinterbliebenen, denn auch die Überlebenden sind Opfer des Krieges. Die meisten dieser Überlebenden des II. Weltkrieges tragen bis heute die furchtbaren Bilder in sich herum. Man kann seine Erinnerung ja auch nicht einfach ausschalten.

Es hinterlässt eben seine tiefen Spuren, wenn man hineingesehen hat – in diesen Abgrund menschlicher Sünde, und wenn man miterlebt hat, wozu Menschen fähig sind, sobald die Kontrolle durch eine Ethik, die die Liebe zum Mitmenschen und zum Feind lehrt, einfach wegfällt.

Mancher hat mit Schrecken erlebt, wozu er selbst fähig ist, und leidet bis heute darunter…
Und dann taucht angesichts einer Katastrophe, wie z.B. eines Krieges, auch bei den Jüngeren immer wieder diese Frage auf:

Wie konnte Gott das zulassen? Warum hat er das nicht verhindert? Warum lässt er die Dinge einfach laufen und tut nichts dagegen?

Die gängigen Antworten kennen wir auch: denn wir wissen ja, dass Gott dem Menschen die Freiheit geschenkt hat.

Er hat uns mit Absicht nicht als Marionetten erschaffen, sondern als Wesen, die selbst entscheiden können, wie sie leben wollen, und das heißt eben auch, dass wir uns auch gegen Gott entscheiden können.

Diese Antworten kennen wir, aber irgendwie können diese Antworten die Fragen doch nicht ganz aus der Welt schaffen:

Warum gibt es soviel Böses?
Warum findet der Krieg im Irak und in Afghanistan kein Ende?
Warum werden Menschen gefangen und gefoltert?
Warum sprengen 13jährige Kinder sich selbst und andere im Namen Gottes in die Luft?
Warum, Gott?

Ich denke, letztlich ist es eine Frage der Menschen nach sich selbst. Es ist eine Frage, die unsere eigene Zerrissenheit widerspiegelt. Die Erfahrung nämlich, die wir im Kleinen wie im Großen immer wieder machen:
Wir sind innerlich zerrissen. Denn wir handeln im Leben immer wieder anders, als wir es eigentlich wollen:

Wir wollen eine heile Umwelt, aber wir zerstören sie.
Wir wollen den Frieden, aber es kommt immer wieder zu Hass, Streit und Krieg.
Wir wollen heile Familien und glückliche Ehen, aber müssen erleben, wie sie nicht selten mit viel Streit zerbrechen. Warum ist das so?
Warum, Gott , lässt du das zu?

Wir wissen instinktiv, dass wir auf diese Frage keine Antwort finden können und dennoch stellen wir sie, weil es, wie ich glaube, eine unglaublich wichtige Lebensfrage ist:
Es ist der Schrei des Menschen, der an der Zerrissenheit dieser Welt leidet, und der spürt, dass sie bei Gott eigentlich heil sein müsste. Es ist der Schrei nach Gott.

Wir haben es heute mit einem Text des Propheten Jeremia zu tun, in dem allerdings Gott derjenige ist, der so fragt.

Es ist merkwürdig: Diese ganzen Gefühle des Leidens an der Zerrissenheit der Welt, die auch wir so gut kennen – hier finden wir sie bei Gott.
Er leidet an der Zerrissenheit der Welt, genau wie wir. Der allmächtige Gott leidet am Zustand der Welt, genauer gesagt, an der Zerrissenheit seines Volkes.
Er leidet darunter, dass das Volk, das er sich doch zum Eigentum erwählt hat, von ihm abgefallen ist und sich standhaft weigert, zu ihm zurückzukommen.

Sein Volk hatte vergessen, dass Gott es war, der es aus Ägypten befreit und durch die Wüste geführt hatte. Und so hing das Volk zu Zeiten des Propheten Jeremia lieber dem Aberglauben fremder Kulten an.

Es drehte sich seine Moral so zurecht, wie es gerade bequem war, und Begriffe wie Umkehr zu Gott, Buße, Reue über begangenes Unrecht, Bekennen der eigenen Schuld waren längst in Vergessenheit geraten. Man brauchte deshalb keine „Buß- und Bettage“ mehr. Nichts war dem Volk mehr „heilig“. Stattdessen Selbstsucht und Hybris und der Glaube, selbst die Geschicke der Welt regeln zu können und ein neues Paradies zu schaffen.

Durch den Propheten Jeremia fragt Gott nun sein Volk:
Warum tut ihr das? Ich habe soviel für euch getan, und ihr kehrt mir den Rücken zu.


Gott leidet unter seinem Volk, wie Eltern unter heranwachsenden Kindern leiden, die auf die schiefe Bahn geraten sind – und diese Eltern stehen machtlos daneben und können nichts tun. Sie wissen genau: je mehr sie reden, je mehr sie sich einmischen, desto größer ist das Risiko, dass der letzte dünne Faden zwischen Eltern und Kind reißt und sie ihr Kind ganz verlieren. Machtlos und hilflos – so zeigt sich Gott hier.

Er kann lediglich seine schützende Hand abziehen und das tut er auch: Er entzieht seinem Volk den göttlichen Schutz und gibt es der babylonischen Großmacht preis – vielleicht ein Ausdruck seiner Hilflosigkeit. Eigentlich möchte Gott doch mit seinem Volk in Frieden leben, aber es geht nicht! Sein Volk will es nicht!

Es scheint für unsere Ohren nicht zusammen zu passen, dass der allmächtige Gott in dieser Situation machtlos ist, und doch ist es so: Die Liebe hat ihm die Hände gebunden. Liebe, die sich danach sehnt, dass sie erwidert wird, macht immer machtlos. Wer liebt, gibt sich dem anderen in die Hände. Er sehnt sich nach Antwort, aber er kann sie nicht erzwingen.

Liebe kann man nicht erzwingen. Viele hundert Jahre nach Jeremia erlebt die Menschheit, wie Gottes Sohn am Kreuz verblutet. Die Liebe hat ihn dazu getrieben. Er wollte bei uns sein. Er hat sich uns in die Hände gegeben, obwohl er wusste, was auf ihn zukommt.

Und wieder hat Gott sich ein Volk geschaffen – durch sein Blut. So wie er durch Abraham das Volk der Juden berufen hat, hat er durch Jesus das Volk der Christen geschaffen. Ein großes Volk. Ein weltweites Volk – und immer noch erlebt er, dass sich sein Volk von ihm abwendet. So sind die Worte Jeremias brandaktuell.

Warum tut ihr das? fragt Gott damals wie heute. Warum kehrt ihr nicht um? Warum beschwichtigt ihr euer Gewissen, lullt euch ein, führt meinen Namen auf euren Lippen; aber im Grunde eures Herzens wollt ihr – wie vor langer Zeit Israel – von mir und meinen Geboten nichts wissen? Ihr seht nur noch auf das, was alle tun, und nicht mehr auf das, was mein Wort sagt.

Wenn nur genügend Leute den falschen Göttern hinterherlaufen, machten sie diese zur Staatsreligion und nennen es fortschrittlich und menschenfreundlich. Arme und verzweifelte Menschen werden dabei als „Kollateralschaden“ der aufgeklärten Moderne hingenommen.

Warum geht ihr denn nicht über die Brücke, die ich euch gebaut habe? fragt Gott.
Warum kehrt ihr denn nicht um zu mir und nehmt die Vergebung in Anspruch, die ich euch gewähren möchte?
Hat euch vielleicht längst der Mut zur Demut verlassen?
Stattdessen rennt ihr wie durchgegangene Pferde geradewegs in den Abgrund
.

Es stimmt schon, der größte Teil der Schuld trifft die Führer, die politischen wie auch die religiösen. Aber was ändert das? Den Schaden haben alle zu tragen.

Ihr seid es am Ende selbst, die in den Abgrund fallen, wenn ihr auf dem Weg geht, den eure selbsternannten Führer euch zeigen!

Das war so in Israel zu Jeremias Zeit, wie auch im „Dritten Reich“.

Und ist es nicht auch heute noch so, dass wir uns nur zu gerne verführen lassen? Dass wir nur allzu gerne hören "Friede, Friede"? – vor allem, wenn es um andere geht. Und dass wir uns nur allzu gerne – wie seinerzeit Israel – das zum Glauben heraussuchen, was uns selbst bestätigt? „Christentum light“ sozusagen. So wie Cola light – Genuss ohne Reue.

„Was sind das nur für bedauernswerte Kreaturen, die mit ihrem Leben dafür bezahlt haben – und manchmal heute noch dafür bezahlen, dass sie Christen sind, wenn alles doch so einfach sein kann: Christ sein ohne aufrichtige Liebe zum Nächsten, ohne Buße, ohne Umkehr, ohne Gebet, ohne Glaube – und am Ende sogar ohne Gott.

Gottes Wort, von Jeremia ausgesprochen, gilt deshalb auch noch für uns Menschen heute. Und es ist gut, sich am Volkstrauertag an Gottes Angebot zu Umkehr, Vergebung und Liebe erinnern zu lassen.

Vieles in dieser Welt hätte anders sein können und sähe anders aus, wenn Millionen Christen auf ihrem Lebensweg so viel Vertrauen zu ihrem Gott hätten wie auf den Straßen zu ihren Navigationsgeräten: nämlich dann, wenn wir wieder einmal freundlich aufgefordert werden, den eingeschlagenen Weg zu verlassen und umzukehren.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alles, was menschliche Vernunft sich erdenkt, bewahre unsere Herzen und Gedanken.

Amen