Predigt im Altenberger Dom


Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen

Liebe Gemeinde,

„Lasst eure Lenden umgürtet sein und eure Lichter brennen.” – So beginnt der Predigttext für den Altjahrsabend beim Evangelisten Lukas. „Lasst eure Lenden umgürtet sein” – das heißt wörtlich in unsere heutige Sprache übersetzt: „seid bereit zum Aufbruch.” Denn nur wer damals zu Jesu Zeiten um seine langen Gewänder einen Gürtel umlegte, also „umgürtet” war, blieb beweglich und geriet nicht so leicht ins Stolpern. Und nur wer ein Licht entzündete, konnte logischerweise auch im Dunkeln den Weg finden.

Für wen hat dieses Wort besondere Bedeutung? Ich denke, an diesem Tag heute sind es wohl nur wenige, die wirklich „bereit sein" müssen. Die Menschen, die im Krankenhaus arbeiten, bei der Feuerwehr oder auch die Ärzte, die eben „Bereitschaftsdienst” haben. Wir dagegen können uns an diesem Tag eher zurücklehnen und den Sekt schon mal kalt stellen, um ihn als guten Einstand für das Jahr 2009 nachher um Mitternacht zu trinken.

Doch lassen Sie uns noch einmal die Worte über das „Warten" und die „Bereitschaft” hören, die Jesus seinen Freunden mitteilt. Er tut dies in Form eines Gleichnisses,, wenn er sagt:

„Seid gleich den Menschen, die auf ihren Herrn warten, wann er aufbrechen wird von der Hochzeit, damit, wenn er kommt und anklopft, sie ihm sogleich auftun.
Selig sind die Knechte, die der Herr, wenn er kommt, wachend findet. Wahrlich, ich sage euch:
Er wird sich schürzen und wird sie zu Tisch bitten und kommen und ihnen dienen.
Und wenn er kommt in der zweiten oder dritten Nachtwache und findet's so: selig sind sie.
Das sollt ihr aber wissen: Wenn ein Hausherr wüsste, zu welcher Stunde der Dieb kommt, so ließe er nicht in sein Haus einbrechen.
Seid auch ihr bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, da ihr's nicht meint.”

Ein Hausherr, der kommt, um seine Dienerschaft zu bedienen? Das klingt seltsam. Denn normalerweise wird es wohl kaum einen Hausherrn geben, der sich zum Diener seines wachsamen Türhüters macht. Ein wirklicher Hausherr verhält sich nicht so!
Der Hausherr Jesus hat sich allerdings genau so verhalten. Und damit beginnt das Ungewöhnliche an dieser Geschichte. Und wir können es ahnen, dass es nicht um belanglose Alltäglichkeiten geht, sondern um viel mehr. Es geht um nicht weniger als die Gastfreundschaft Gottes, der uns einlädt und bewirtet, und der sich selber so zum Knecht macht.

Das Gleichnis ist ganz und gar auf die Zukunft hin ausgerichtet, genauso wie es dieser heutige Tag ist. Denn so wie wir nachher verstärkt auf die Uhr schauen, um den magischen Glockenschlag um 12 nicht zu verpassen, genauso warten die Knechte und Mägde in dem Gleichnis auf ihren Herrn.

Was werden sie wohl getan haben, während sie gewartet haben? Vielleicht haben sie Karten gespielt, oder irgendetwas gearbeitet, was wesentlich ist, dass sie wirklich gewartet haben und ihren Chef nicht irgendwann abgeschrieben haben.

Der Hausherr war, wie Jesus erzählt, bei einer Hochzeit, und irgendwann musste er wieder heimkommen. Vielleicht haben die Knechte zwischendurch immer mal wieder ungeduldig aus dem Fenster geschaut, um zu sehen, wann denn der Hausherr kommt, damit sie dann endlich Feierabend machen können. Doch auch, wenn ihnen vielleicht der Geduldsfaden bald zu reißen drohte, sie mussten warten.

Denn der Hausherr hatte, wie das Gleichniss berichtet, keinen Schlüssel. Das Haus war, wie früher üblich, von innen verriegelt und gesichert. Wer also hinein wollte, dem musste zuvor erst aufgemacht werden. Und vielleicht hatte der Hausherr dann noch Wünsche: ein Bad, etwas zu trinken oder zu essen. Das jedenfalls, was er wirklich wollte, nachdem er nach Hause gekommen war, war als letztes zu erwarten, nämlich seine Knechte und Mägde zu bewirten.

Was aber bewegt nun eigentlich diese Knechte und Mägde überhaupt, wachsam zu bleiben? Ist es die Angst vor der Strafe, oder ist es eher ihr Pflichtbewusstsein und ihre Treue, oder sogar die Liebe zu ihrem Herrn, die sie das Warten geduldig aushalten lässt? Und auf uns Menschen heute umgemünzt, lautet die Frage:Was bewegt uns eigentlich, bei Christus und in seinem Haushalt, nämlich seiner Kirche, zu bleiben?


Lukas sagt allen Knechten und Mägden dieses wohl einmaligen Hauherrn ein Wort, das ihnen helfen soll, geduldig zu bleiben, nämlich dass sie „selig sind”. „Selig sein”, das heißt, „bei Gott sein”. So wird den Jüngern Hoffnung gemacht. Jesus selbst ermutigt sie, in ihrer jeweiligen Zeit mit ihm zu rechnen. Und er ermutigt so auch uns in unserer Zeit, immer wieder mit ihm zu rechnen.

Schließlich wissen wir „Mägde und Knechte des dritten Jahrtausends“ nur allzugut, wie gefahrvoll und unwägbar die Welt ohne die Hoffnung auf diesen Hausherrn aussieht. Aus einer vagen Hoffnung wird dann schnell Angst und Ungewissheit, wenn wir an die Zukunft denken. Angst – vielleicht vor Kriegen und terroristischen Anschlägen, oder – weniger spektakulär – einfach Angst vor Arbeitslosigkeit, vor wirtschaftlichen Notlagen und Börsencrash, Angst vor dem Verlust von Beziehungen oder von lieben Menschen durch Krankheit oder Tod.

Allen Menschen, die hin und hergerissen sind zwischen Hoffen und Bangen, wenn sie an die Zukunft denken, sagt Jesus, dass er kommen wird und dass alle schon jetzt selig sind, die auf ihn warten, vertrauen und hoffen können.

So wird uns allen auch im neuen Jahr wieder vieles zugemutet werden. Und mancher wird einen steinigen und unebenen Weg zu gehen haben. Aber, und dies ist uns in diesem Gleichnis Jesu als seinen Seligen auch zugesagt: Wir dürfen leben als eine Gemeinde und als eine Kirche, die auf ihren Herrn wartet. Eine Kirche und eine Gemeinde, die immer bereit sein soll, ihre Türen zu öffnen, um Menschen hineinzulassen und einzuladen, mit zu warten. Wir sollen leben und in „Rufbereitschaft” bleiben für Menschen, die uns brauchen.

Doch es geht in diesem Text noch um ein weiteres Gleichnis. Denn neben dem Hausherrn, der auf einer Hochzeit ist und irgendwann heimkommt, findet sich auch noch ein kurzer Hinweis auf einen Dieb, der ebenfalls unerwartet kommt.

Ich denke, mit dem Bild des Diebes will Jesus sein Gleichnis ergänzen, denn nicht nur der Herr kommt wie ein Dieb in der Nacht, sondern viele Diebe kommen sogar Tag und Nacht, Diebe nämlich, die mir die Hoffnung stehlen wollen. Gerade die Weihnachtszeit ist voll von solchen Dieben, Dieben, die uns einreden wollen, was wir alles brauchen und sein müssten, um wirklich glücklich zu sein, Diebe, die mich daran hindern wollen, einfach dankbar und hoffnungsfroh zu leben, weil ich zufrieden bin. Zufrieden mit dem, was ich habe, Diebe, die mir die Geduld und die Hoffnung rauben wollen.

Auch dagegen gilt die Verheißung: Denn Gott ist Mensch geworden, gegen die Diebe, die meine Wünsche nach Glück und Zufriedenheit beeinflussen wollen. Gott ist Mensch geworden auch gegen die Diebe, die mir meinen wertvollsten Schatz, nämlich meine Lebenszeit, rauben wollen, um sie sich für ihre Zwecke und ihre eigenen Ziele dienstbar zu machen.

„Allzeit bereit" – so heißt der Losungspruch der Pfadfinder. Vielleicht ein kindlicher, trotziger Spruch, aber eben einer mit einer Verheißung. Denn nur wer „allzeit bereit” ist, ist auch dann bereit, wenn es wirklich wichtig ist. Und vor allem ist es eine ganz besondere Verheißung, wenn wir bedenken, wer sie uns sagt. Der, der sie uns gesagt hat, war bereit, für uns mit seinem Leben einzustehen. Und das nicht, um uns am Ende zu ewigen Mägden und Knechten zu machen, sondern zu wirklich freien Menschen seines Reiches.

Und wenn wir nur wachsam und geduldig genug sind, werden wir auch schon jetzt Zeichen dieser Verheißung und dieses Reiches in unserem eigenen Leben erkennen und finden können.

Deshalb lassen Sie uns als Kirche, als Gemeinde und als Menschen, die dieser Verheissung vertrauen, in ein neues Jahr gehen, ohne uns von Dieben, gleich worauf sie es bei uns abgesehen haben, berauben zu lassen. Lassen Sie uns in das neue Jahr gehen als Christen, die versuchen, den Willen ihres Herrn zu tun, nämlich als Menschen in ständiger „Rufbereitschaft“zu sein gegenüber allen, die Hilfe brauchen.

Und der Friede Gottes, der höher ist, als alles das, was menschliche Vernunft sich erdenkt, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus.

Amen