Predigttext Titus, 2, 11 – 14

11 Denn die Gnade Gottes ist erschienen, um alle Menschen zu retten.
12 Sie erzieht uns dazu, uns von der Gottlosigkeit und den irdischen Begierden loszusagen und besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt zu leben,
13 während wir auf die selige Erfüllung unserer Hoffnung warten: auf das Erscheinen der Herrlichkeit unseres großen Gottes und Retters Christus Jesus.
14 Er hat sich für uns hingegeben, um uns von aller Schuld zu erlösen und sich ein reines Volk zu schaffen, das ihm als sein besonderes Eigentum gehört und voll Eifer danach strebt, das Gute zu tun.
15 So sollst du mit allem Nachdruck lehren, ermahnen und zurechtweisen. Niemand soll dich gering achten.

Liebe Gemeinde,

Friede sei mit uns und durch uns. Amen.

Die letzten Vorbereitungen sind getroffen, der Tag geht zur Neige. Langsam breitet sich die Dämmerung aus und der Heilige Abend beginnt. Mit welchen Gefühlen haben Sie dem Fest entgegen gesehen?

Im Kerzenlicht scheinen die harten Konturen unserer Wirklichkeit abgemildert, aufgeweicht. Lasst euch von den Tannenbäumen, den süßen Liedern und Plätzchen nicht in die Irre führen. Weihnachten bringt manches ans Licht:

– die Brüchigkeit unserer Beziehungen,
– unsere Abhängigkeit von materiellen Sicherheiten,
– die Sorge um die Zukunft,
– die Gretchenfrage nach dem eigenen Glauben.

Weihnachten lässt niemanden kalt. In den Fragen und Auseinandersetzungen dieser Tage schwingt gleichzeitig auch noch etwas anderes mit: die vage Sehnsucht nach dem, was diese Nacht verheißt: Frieden auf Erden; innigster Wunsch seit Tausenden von Jahren. Die Nähe des Göttlichen spüren, von Geborgenheit eingehüllt sein.

In unsere Erwartungen hinein sprechen Worte aus dem Titusbrief. Aus dem 1. Jahrhundert der Christenheit:

Denn die rettende Gnade Gottes ist offenbar geworden, und sie gilt allen Menschen. Sie bringt uns dazu, dass wir dem Ungehorsam gegen Gott den Abschied geben, den Begierden, die uns umstricken, und dass wir besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt leben, als Menschen, die auf die beseligende Erfüllung ihrer Hoffnung warten und darauf, dass unser großer Gott und Retter Jesus Christus in seiner Herrlichkeit erscheint. Er hat sein Leben für uns gegeben, um uns von aller Schuld zu befreien und sich so ein reines Volk zu schaffen, das nur ihm gehört und alles daran setzt, das Gute zu tun.

Liebe Gemeinde, die alten Worte der Bibel schlagen eine Brücke zu uns. Zu unserem Weihnachtsfest, hier und heute, Altenberg 2009. Weihnachten ist wie eine Reise mit der Zeitmaschine. Wir reisen in die Zeit zurück: über die deutsche Einheit, die Wunden und Narben der Weltkriege, über Industrialisierung , Mittelalter , Reformation und Völkerwanderung zurück in die Zeit des römischen Mittelmeer-Imperiums, damals, als der Kaiser Augustus regierte.

Heute Abend erlauben wir uns, mit unserer Aufmerksamkeit aus unserer anstrengenden Gegenwart wegzugehen. Hin zu einem armseligen Holzverschlag, einer Art Stall. Dort und damals ist das geschehen, was die Welt und die Herzen der Menschen im Kern verändert hat: Die rettende Gnade Gottes ist offenbar geworden.

Die Gnade ist klein. Sie wiegt ein paar hundert Gramm.Sie atmet und schreit. Die Gnade verschläft den größeren Teil des heiligen Abends und wird in der Nacht gestillt. Die Gnade ist nach der Geburt gewaschen worden, und liegt in einer Heukrippe. Maria lässt die schlafende Gnade nicht aus den Augen, Josef kann den Blick kaum von ihr wenden. Es sind auch Tiere im Stall: Sie wundern sich, was mit der Gnade geschieht. Zu diesem Zeitpunkt weiß niemand, daß die Gnade bald schon mit ihren Eltern fliehen muss. Die Gnade entkommt dem grausamen Kindermörder König Herodes. Sie kehrt aus Ägypten zurück und wird älter, wird erwachsen: Sie predigt und heilt. Männer und Frauen folgen ihr. Sie wird einen gewaltigen Aufruhr verursachen und von ihren Gegnern missverstanden werden. Die Römer werden die Gnade gefangen nehmen, sie foltern und später zum Tode verurteilen. Die Gnade wird gekreuzigt, und Gott wird sie auferwecken.

Die Gnade ist kein Prinzip und keine Eigenschaft, sie ist keine Tugend und kein Kennzeichen, keine Einstellung und keine Haltung. Die Gnade Gottes ist ein Mensch.

Die Gnade ist ein Mensch mit einer Lebensgeschichte: vom schreienden Baby bis zum qualvollen Tod – und darüber hinaus. Die Gnade ist sichtbar, und wer sie sehen will, muß nur die Augen öffnen. Die Gnade gilt allen Menschen, nicht nur den Frommen. Allen Menschen ist die barmherzige Gnade erschienen. Wer diese Gnade bestaunt, bleibt von ihr nicht unberührt.

Weihnachten ist eine Reise: Wir reisen zurück in unsere eigene Vergangenheit. An keinen Tag im Jahr ist die Sehnsucht nach kindlicher Geborgenheit, Freude und Heimat größer. Wir nehmen weite Wege auf uns, um das zu finden, was Weihnachten verspricht: Liebe, Freude, Geborgenheit. – „Driving home for Christmas“ , so titelte gestern der Stadtanzeiger und berichtete, dass jeder zweite Bundesbürger an Weihnachten zu seiner Familie fährt. Weihnachten rührt an das Kind in uns, auch in uns Großen. Erinnerungen steigen auf, aus frühester Zeit, als wir noch klein waren, der Zauber der Christnacht uns einhüllte, die Worte der Engel unsere Herzen erreichten. An der Krippe werden hartgesottene Wirklichkeitsprofis, werden Leistungsträger und Steuerzahlerinnen zu dem Kind, das sie mal gewesen sind. Darum sind wir Weihnachten auch so verletzlich, so leicht zu treffen durch unbedachte Worte und Gesten.

Weihnachten ist eine Reise, die uns verändern kann: Die Mensch gewordene Gnade macht uns menschlicher, schreibt Titus, sie macht uns besonnen, gerecht und fromm. „Mach's wie Gott, werde Mensch“ , so einfach lässt sich die Weihnachtsbotschaft zusammenfassen. Was heißt das?

Wer das Kind ansieht, kann besonnen sein: Gottes Gerechtigkeit wird sich einmal durchsetzen. So wie das Kind älter und größer wird, zum erwachsenen Prediger und Heiler, zum Propheten der Menschen in Israel heranreift, genauso wächst die Gerechtigkeit Gottes. Und auf diese Gerechtigkeit Gottes können wir vertrauen. So lassen wir uns durch die politischen Fehlschläge unserer Zeit nicht entmutigen. Es ist noch nicht das letzte Wort gesprochen über Afghanistan, die Weltwirtschaftordnung, unsere Schöpfung.
Wer über das kleine, gnädige Kind staunt, kann Gott etwas zutrauen. Wenn Gott in einem kleinen Kind im Stall eines römisch-jüdischen Provinznestes vor mehr als 2000 Jahren Gestalt gewinnen kann, dann kann, auch in meinem kleinen Leben, auch in meiner unübersichtlichen Gegenwart, Gott mit mir sein. Gott ist etwas anderes als ein unnahbares Schicksal über dem Sternenzelt, das grausam und herzlos die Fäden menschlicher Lebensgeschichten knüpft und wieder durchtrennt.

Liebe Gemeinde, Weihnachten befreit uns für einen kleinen Moment aus dem mühsamen Gewebe der Gegenwart und nimmt uns mit auf eine Reise. Wer die Krippe ernst nimmt, lässt Sorgen und Nöte – vielleicht nur für ein paar Minuten – hinter sich, um die Welt aus dem Blickwinkel des Kindes wahrzunehmen. Wer das Kleine ernst nimmt, auch bei sich selbst, fürchtet sich nicht mehr so sehr vor allem Großen und scheinbar Übermächtigen. Die Verhältnisse ordnen sich neu. Was übermächtig erscheint, ist vielleicht doch nur heiße Luft, und was klein und unscheinbar ist, kann uns berühren und befreien, zu einem neuen Glauben, einer tieferen Hoffnung, einer größeren Liebe. Von der Krippe kehren wir in die Gegenwart zurück, gestärkt und getröstet wie die Hirten auf dem Feld, wo die Schafe warten.

Amen