Predigt am 10. Sonntag nach Trinitatis – 20. Aug. 2017

Predigttext 2. Mose 19, 1 – 6

1 Im dritten Monat nach dem Auszug der Israeliten aus Ägypten - am heutigen Tag - kamen sie in der Wüste Sinai an.
2 Sie waren von Refidim aufgebrochen und kamen in die Wüste Sinai. Sie schlugen in der Wüste das Lager auf. Dort lagerte Israel gegenüber dem Berg.
3 Mose stieg zu Gott hinauf. Da rief ihm der Herr vom Berg her zu: Das sollst du dem Haus Jakob sagen und den Israeliten verkünden:
4 Ihr habt gesehen, was ich den Ägyptern angetan habe, wie ich euch auf Adlerflügeln getragen und hierher zu mir gebracht habe.
5 Jetzt aber, wenn ihr auf meine Stimme hört und meinen Bund haltet, werdet ihr unter allen Völkern mein besonderes Eigentum sein. Mir gehört die ganze Erde,
6 ihr aber sollt mir als ein Reich von Priestern und als ein heiliges Volk gehören. Das sind die Worte, die du den Israeliten mitteilen sollst.

Liebe Tauffamilien, liebe Gemeinde, Friede sei mit uns allen. Amen. 

Ich kann mich noch gut erinnern: Schulsport, Völkerball - 2 Gruppen mussten gewählt werden. Ich war eine Versagerin bei Ballspielen aller Art. Deshalb dauerte es ewig, bis ich in ein Team gewählt wurde. Die Wartezeit, ein ziemlicher Stress. Gott sei Dank wurde ich meistens nicht als Letzte gewählt, das hätte doch ganz schön an meinem Ego gekratzt. 

Beim Schwimmen war es anders, da war ich bei denen, die wählen durften. Ich konnte ein Grüppchen von Auserwählten aufbieten und den anderen mal so richtig zeigen, wo der Hammer hängt. Oder der Rettungsring, um im Bild zu bleiben. Die flehenden Blicke meiner Mitschülerinnen, sie doch zu wählen und nicht weiter im Fegefeuer der Loser schmoren zu lassen, prallten an mir ab. 

Auserwählt sein, besonders sein – besonders schön, besonders klug, besonders berühmt. Der Sänger Randy Newman hat darauf seine ganz eigene Sicht: „It’s lonely at the top.“ An der Spitze ist man einsam, so singt er. Eine Erfahrung, die auch Diana, die Prinzessin der Herzen, machen musste. Ich habe ihre Hochzeit vor dem Fernseher verfolgt – das Brautkleid mit Disteln bestickt, vielleicht eine klammheimliche Warnung vor dem dornigen Weg, der auf sie wartete. Ich habe ihre Trauerfeier vor 20 Jahren im Fernsehen erlebt: die unüberschaubaren  weinenden Menschenmassen und zwei verstörte kleine Jungs, die nicht fassen konnten, mit welcher Macht das Grauen, der Tod, in ihre heile Welt eingebrochen war. 

It’s lonely at the top. 

Auserwählt sein, besonders sein, eine Last, die auch auf mancher Kindheit liegt und im Erwachsenenleben ihre dunkle Macht entfaltet. Ich kenne Menschen, die finden einfach nicht den Mittelweg durchs Leben. Ständig schwanken sie zwischen Größenwahn und Absturz hin und her. Manchmal denke ich, das ist so ein Phänomen unserer Zeit: Optimierung auf Teufel komm raus. Toller sein, origineller sein, erfolgreicher sein. Kein Platz mehr für gemütliches Mittelmaß. Bronzemedaille, 3.Platz, ist dasselbe wie Totalversagen. Das fängt manchmal schon im Kindergarten an, oder wenn Eltern versuchen, sich mit den Leistungen ihrer Sprösslinge zu übertrumpfen. (Beispiel: Fängt schon früh an, z.B. beim Thema Durchschlafen). 

Im Predigttext für heute wird das Volk Israel an seine besondere Rolle als auserwähltes Volk erinnert. Eine schwierige Geschichte, Israels Erwählung war genau das, was die anderen Völker durch die Geschichte hindurch gegen Menschen jüdischen Glaubens aufgebracht haben. Ihre Eigenheiten, ihr Anderssein waren oft das, was die anderen nicht akzeptieren, nicht aushalten konnten. Neid und Missgunst schlugen schnell in Mordlust um. 

Durch die Kirchengeschichte, durch die Profangeschichte, zieht sich die Blutspur des Antisemitismus. Und wenn wir anfangen zu hoffen, dass zumindest die westlichen Nationen dieses dunkle Kapitel überwunden haben, dann sehen wir fassungslos nach Sachsen und nach Charlottesville. Sehen Hitlergruß und Hakenkreuzfahne. Rabbi Zimmermann, der Rabbiner einer Synagoge in Charlottesville musste seinen Gemeindegliedern empfehlen, ihr Gotteshaus durch den Hinterausgang zu verlassen, weil vor dem Eingang der Synagoge Männer mit Gewehren „Sieg Heil“ riefen. Das hätte ich im demokratischen Amerika – Mother of the free - nicht für möglich gehalten. Beschämend und fürchterlich. Wobei ich weiß, dass der Staat Israel auch seine Schattenseiten hat, mit seiner radikalen Siedlungspolitik und dem Mauerbau usw. Auch das eine Frucht des sich Besonders fühlen, aber eine verfaulte. Denn damit wird die Gewaltspirale im Nahen Osten immer weitergedreht. 

Was ist eigentlich so schlimm daran, besonders zu sein? Eigentlich ist doch jede und jeder von uns ein Unikat. Eine besondere und einzigartige Ausgabe der Spezies Mensch. Durch den Juden Jesus sind wir Christen mit hinein genommen ins Besonderssein. Durch ihn gilt auch uns die Zusage Gottes: ich bin mit dir. 

Wir werden gleich drei kleine Jungen taufen und sie in der Taufe Gott ans Herz legen. Für ihre Familien ist jeder dieser drei auserwählt und besonders.Wie sich ihr Leben gestalten wird, ist aber noch ganz offen. Was wollen wir ihnen heute durch die Taufe mitgeben? 

Erstens, dass sie besonders und auserwählt sind, weil Gott sie liebt und wollte, dass sie auf die Welt kommen. Gott liebt uns bedingungslos, ohne, dass wir dafür etwas leisten müssen. Sola Gratia, nannte das ein Martin Luther. Allein aus liebevoller Gnade wendet Gott sich uns Menschen zu. 

Wir sollten ihnen zweitens auch mitgeben, dass die Welt voll ist von besonderen, ausgewählten Menschen, weil Gott uns alle zu seinem Ebenbild geschaffen hat. 

Wir sollten ihnen drittens mitgeben, dass niemand das Recht hat, auf das Anderssein der anderen verächtlich herabzublicken. Unsere Unterschiedlichkeit macht die Welt bunt und schön. 

Und wir sollten ihnen viertens mitgeben , dass man nicht immer versuchen muss, besser, klüger, erfolgreicher, schneller oder schöner zu sein. Daran kann man zerbrechen, oder hart und neidisch gegenüber anderen werden. Gott will, dass wir mit Freude und Stolz auf das blicken, was wir selber können, haben und sind, und den anderen auch ihren Platz an der Sonne gönnen. Auch wenn wir dafür ein bisschen zusammenrücken und etwas abgeben müssen. In diesem Sinne: Bronze für alle! 

Amen.

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