Predigt an Heiligabend 2017

Liebe Gemeinde am Heiligen Abend, der Friede, von dem die Engel singen, sei mit uns allen. Amen.

2017 war ein gutes  Jahr! Wir haben ein großartiges, mitreißendes Reformationsjubiläum gefeiert. Hier in Altenberg, in Deutschland, in der ganzen Welt. So viele bewegende Gottesdienste, Konzerte, Vorträge, Ausstellungen und Theaterstücke. Die evangelische Kirche ist, Gott sei Dank, noch sehr lebendig, auch wenn sie schon öfter  tot gesagt wurde. Mich hat die Ökumenische Vesper am Reformationstag besonders berührt. Mehr als 2000 Menschen waren hier im Dom, ein starkes ökumenisches Zeichen. Aber was erzähle ich Ihnen, Sie waren wahrscheinlich ja alle dabei. Von großen Katastrophen sind wir hier in Odenthal verschont geblieben. Unser Leben geht seinen guten Gang. Auch viele Flüchtlinge fühlen sich mittlerweile bei uns zu Hause und meistern ihr Leben. Es sind erfreulich viele Kinder geboren worden. Sogar der FC hat noch mal gewonnen und Bayer Leverkusen sowieso.

2017 war ein schlimmes Jahr. Gerade in diesen Tagen denken wir an die Opfer des Attentats von Berlin und an die Toten der Loveparade. Der Terror ist bei uns angekommen. Wenn wir Urlaub planen, reduziert sich die weite Welt auf wenige vermeintlich sichere Länder. Aber wo ist man sicher? Die Kriegs- und Krisengebiete breiten sich aus, Hungerkastastrophen sind, trotz aller Anstrengungen, immer noch nicht überwunden,. Auch heute sammeln wir wieder für Brot für die Welt! In Europa, in der Welt, machen sich starke Männer mit markigen Sätzen breit. Rechtsradikales Gedankengut scheint salonfähig geworden zu sein. Ein neuer Kalter Krieg droht, mit seinem ganzen verbalen und atomaren Rüstungspotenzial. Manche von Ihnen haben in diesem Jahr eine ganz persönliche Katastrophe erlebt. Ein Tod, eine Trennung, eine Krankheit, hat  den sicheren Boden unter den Füßen weggezogen.

So sind wir heute hier: mit den Freuden und Sorgen eines ganzen Jahres im Gepäck. Mit den Sehnsüchten und Hoffnungen, die sich auf diesen Abend und dieses Fest richten. Ein Fest für unsere Kinderseelen. Ich habe mir noch mal ein paar Kinderfotos angeguckt. In schwarz-weiß, die kleine Claudia mit dem neuen Puppenwagen vorm Tannenbaum. So eine Freude; das Christkind hatte alle Wünsche erfüllt. Jahre später in bunt: mit eigener Familie unterm Baum. Überall Berge von Weihnachtspapier. Mittendrin tanzt mein kleiner Junge vor Freude über seine Stoffgiraffe.

Liebe Gemeinde, Kinderbilder lassen uns nicht kalt – schon gar nicht in der Weihnachtszeit und erst recht nicht in dieser hochheiligen Nacht. Gott sei Dank. Sie bewegen das Herz. Die Werbestrategen wissen das. Strahlende Kinderaugen voll süßer Erwartung, und dann bekommt der Lindt-Weihnachtsmann sein Glöckchen. "Tausend Kindlein steh'n und schauen, sind so wunderstill beglückt.“ (Eichendorff)

Letzten Sonntag war Dietmar Boos von der Kindernothilfe hier im Gottesdienst.

Er hat von den Abertausenden von Kindern berichtet, die in den großen Metropolen der Welt ein Stück vom Himmel, ein bisschen Glück, suchen. Sie landen in der Hölle, werden als Sexsklaven missbraucht, als Klaukids abgerichtet, in Fabriken für Hungerlöhne versklavt. Ihr Elend versuchen sie im Drogen- und Klebstoffrausch zu vergessen.

Kinder bei uns – fast eine bedrohte Art. Von den Eltern helikoptert, über die Maßen gefördert, oft nicht erzogen, weil Grenzen zu setzen so uncool ist. Hin- und hergezogen, im Beziehungsstress von Patchworkfamilien. Und dann wieder so unglaublich rührend, anhänglich und nervig zugleich.

Kinder lassen uns nicht kalt. Sie lösen besondere Gefühle in uns aus. Das Kindchenschema: wie süß sind Säuglinge! Die großen Augen, die Stupsnase, das zahnlose Mäulchen, die kurzen Ärmchen und Beinchen. So rührend und goldig, wenn ein schlafender Säugling erwacht, jedenfalls bis er anfängt zu schreien. Unsere guten Gefühle braucht das Kind, um überleben zu können. Wie grauenvoll, wenn Erwachsene ihren natürlichen Beschützerinstinkt verdrängen und Kinder mit brutaler Gewalt missbrauchen, sogar töten.

Der Heilige Abend breitet eine Beschützergeschichte vor uns aus. Vielleicht entfaltet der christliche Glaube bis heute seine lebendige Wirkung, weil an seinem Anfang die Geschichte eines kleinen Kindes erzählt wird. Eine ungewöhnliche Geschichte für uns, weltweit gewöhnlich, fast banal. Ein Kind armer Eltern kommt zur Welt in einem Stall – wir haben die Geburtsgeschichte vorhin gehört. Keine süßliche Inszenierung. Kein goldener Vorhang, der sich über einer strahlenden Geburtsgeschichte eines  zukünftigen Prinzen und grandiosen Herrschers hebt. Im Stall bleibt es erst einmal dunkel. Nur ein Stern steht still am Himmel. 

Die Geschichte der Krippe beginnt als Geschichte dunkler Schutzlosigkeit. Bevor wir über die frohe, helle Botschaft staunen können, herrscht Not.

1 Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.

5 Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst;

Ein kleines Kind, aber große Namen. Mit dem Namen werden Hoffnungen und Erwartungen verknüpft. Es soll endlich Frieden werden. Menschheitsfriede durch ein Kind. Die Welt wird neu durch ein Kind. Denn dieser kleine Anfang führt uns alles Wesentliche vor Augen. Die Philosophin Hanna Arendt sagt: „Geborensein und anfangen können – beides zusammen macht die menschliche Existenz aus.“

Der neue Anfang ist schmerzvoll und mühsam. Erst ganz langsam, ganz im Kleinen, wird es hell. An der Krippe kommt alles zusammen, Dunkelheit und Helligkeit, Furcht und Hoffnung, Schmerz und neues Leben, alles auf engstem Raum. Vielleicht ist das auch eine tiefe Wahrheit, dass alles ganz klein anfangen muss.

Wir haben alle mal ganz klein angefangen. Waren Kinder, die mit glänzenden Augen den Weihnachtsbaum bestaunt haben. In unseren Namen haben sich Familiengeschichte und -erwartungen ausgedrückt. Manche haben sich erfüllt, manche nicht. Als Kinder haben wir noch alles für möglich gehalten. Haben uns eine großartige Zukunft ausgemalt, mit unbegrenzten  Möglichkeiten. Ich sehe manche Kinder und frage mich, was für Erwachsene wohl aus denen werden. Und bei manchen Erwachsenen frage ich mich, wie waren die wohl als Kind. 

Vielleicht kennen Sie David Bowie, einen Sänger, der in diesem Jahr gestorben ist. Er singt: „We‘re absolute beginners – Wir sind absolute Anfänger. Mit weit geöffneten Augen, nervös. Aber wenn meine Liebe auch Deine Liebe ist, werden wir es schaffen.“ Heute am Heiligen Abend ermutigt uns ein kleines Kind, die Augen weit zu öffnen. Nicht die Engel bringen alles zum Leuchten. Sondern das Kind. Von seinem Glanz fällt neues Licht auf die gegenwärtigen Verhältnisse. „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.“

Der Heilige Abend öffnet uns die Augen: Wir sind absolute Anfänger. Wenn es um Hoffnung geht, um Liebe, wir fangen immer wieder ganz klein von Neuem an. Manchmal ziemlich nervös. Aber wenn Liebe dabei ist, können wir alles schaffen. Den kleinsten gemeinsamen Nenner und das große Vielfache.

Liebe Gemeinde am Heiligen Abend,

wir feiern heute nicht ganz groß, sondern ganz klein. Und das ist gut so. Mit dem Kind in der Krippe fängt es an und mit uns geht es weiter. Wir schreiben eine Geschichte weiter, die im Stall von Bethlehem ihren Anfang genommen hat. Wir schreiben die Menschheitsgeschichte weiter und unsere eigene.

Eine Geschichte, in der das Leben stärker ist als die Todesmächte, Frieden stärker als Krieg und Kleine manchmal stärker als Große.

Heute soll das Kleine, Bedürftige, Kindliche auch in uns selbst zu seinem Recht kommen. Denn ein Kind ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter.

Amen 

Google Analytics Opt-Out Cookie wurde erfolgreich gesetzt.

Um unsere Webseite für Sie optimal zu gestalten und fortlaufend verbessern zu können, verwenden wir Cookies. Durch die weitere Nutzung der Website stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen zu Cookies erhalten Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Akzeptiert