Predigt an Heiligabend 2018

Vom Lassen 

Lass das, sagte die Mutter streng, wenn das Kind immer wieder auf die Knöpfe des Radios drückte. Dieses Radio im Wohnzimmer der Großmutter, ein wahrer Zauberkasten: Röhren und Tasten, kosmisches Rauschen, bis ein Sender gefunden war, Ultrakurz- und Langwellen, Hafenkonzert, Norddeich-Mole und dann noch das magische Auge. Zu verlockend. Anschalten und ausschalten, ein herrliches Spiel. Lass se doch, sagte die Oma. Den Satz übernahm das Kind schnell. Wenn die Mutter streng guckte, sagte der Kindermund: Lass se doch und das Kind lachte. 

Ihr Lieben am Heiligen Abend, 

ums Lassen soll es heute gehen. Lassen – ein Chamäleon unter den Wörtern. Ein Tu-Wort, wie wir in der Grundschule sagten. Merkwürdig: Tun – aber es geht doch ums Lassen. Ausgerechnet heute, am Heiligen Abend. Unsere letzten Wochen waren ja nicht vom Lassen geprägt, sondern vom Tun. Was haben wir nicht alles geplant, besorgt und organisiert. Das Fest soll auch in diesem Jahr wieder besonders schön sein, besonders gutes Essen, besonders liebevoll ausgesuchte Geschenke, ein besonders festlich geschmückter Baum, und vor allem eine besonders friedliche Weihnachtsstimmung. So viel zu tun, nichts dem Zufall überlassen, nichts zulassen. 

„Wenn zu perfekt, lieber Gott böse“, sagte der Videokünstler Nam Jun Paik. Schöne Wahrheit. Viele haben es ja schon erlebt, dass sich die Anspannung der Festtagsorganisation plötzlich in einem großen Knall entlädt. Und das, wonach ich mich so sehr sehne, was ich mir so verzweifelt gewünscht und wofür ich alles getan habe, sich in sein Gegenteil verkehrt. Viele tragen einen echten Weihnachtsschaden in sich, die große Angst, das Fest könnte misslingen. Aber geht das überhaupt? Kann Weihnachten schiefgehen? 

Gott hat den Bogen raus, erst das Tun, dann das Lassen: 

Am siebten Tag ruhte Gott von allen seinen Werken. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Erst die Sintflut, dann der Regenbogen. Erst der Einwand der Maria, dann ihr „Mir geschehe, wie du gesagt hast“. Tun und Lassen: Erst Könige in ihren Palästen, dann ein Kind in der Krippe. Durch die ganze Bibel zieht sich Gottes „Lass das!“ Und sein befreiendes „Lass se doch!“ Tun und Lassen, Anspruch und Zuspruch. 

Gott tut und Gott lässt. Gerade zu Weihnachten. Also auf zur Krippe. 

Ei, so kommt, und lasst uns laufen. 

Lassen – dulden, erlauben, bitten, veranlassen, entlassen, unterlassen, niederlassen, anlassen, weglassen und so weiter.

Gelassenheit fällt mir schwer, wenn ich auf das letzte Jahr blicke. Wenn ich Nachrichten höre und sehe. Wenn ich an meine Mitmenschen denke. 

Ein Schüler erzählte mir, dass sich die Eltern just am Heiligen Abend getrennt hätten. Ausgelassene Weihnachtsfreude kam da nicht mehr auf. Alle Jahre wieder fällt es ihr wieder ein. Vergiftete Erinnerungen, für ein ganzes Leben. Wie fahrlässig Eltern manchmal sind. 

Stopp, sagt meine innere Stimme. Du hast keinen Grund, herablassend auf andere zu blicken. Guck dich doch mal selber an. Ganz ehrlich, wie oft hast du etwas unterlassen, geschehen lassen, hast weggezappt, weggehört? Weil es lästig war, weil dir die anderen lästig waren. Weil es so wahnsinnig anstrengend ist, ein guter Mensch zu sein.

Unsere Hinterlassenschaften haben die Weltmeere zugemüllt und sämtliche Ökosysteme fast gegen die Wand gefahren. Ob Verbote da helfen können? „Typisch öko, Strohhalme und Ohrenstäbchen verbieten und damit die Welt retten wollen?“ sagen viele. Aber ich bin schon auch manchmal fassungslos, wenn ich mir den Plastikmüllberg nach meinem Wochenendeinkauf angucke. 

Es ist doch so: Alles muss klein beginnen. Der kleine Anfang kann die große Hoffnung auf die Welt bringen. Darum geht es doch gerade zu Weihnachten. 

In unserer Kirche geht es seit Jahren vor allem ums weglassen. Es muss gespart werden. Das ist auch bei uns hier in Altenberg so. Manchmal denke ich: Nicht weglassen, sondern sein lassen. Nicht weil uns das Geld zwingt. Hausputz machen in Gottes Kirche, Platz schaffen, dem Geist Raum geben. Nicht immer weitermachen, wie im Hamsterrad. Anhalten, durchatmen, loslassen – und staunen über das, was geschieht. 

Lasst uns nun gehen gen Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat. 

Lasst uns mit den Hirten aufbrechen. Was werden wir finden? Einen Gott, der sich finden lässt, wenn wir ihn von Herzen suchen. Der in der Menschheitsgeschichte handelt.  Ihm schenken wir das Beste, was wir haben, unser Herz. Sonst braucht er nichts. 

Also wieder Weihnachten. Trotz allem. Mit allen. Für alle. Das hat Gott sich wirklich großartig ausgedacht, auf die Welt zu kommen als Kind. Wenn wir uns umschauen, plustern sich überall die Kraftprotze der nationalen und internationalen Politik auf. So viele Alpha-Männchen und -Weibchen. So ganz und gar erwachsen. 

Gott sagt „Lass se doch“ und kommt einfach durch die Hintertür in unsere Welt. Sozusagen durch den Dienstboteneingang. Als ginge es um gar nichts und nicht um alles. Aber das ist Programm: Ein Kind, ein Bett, ein Stern, Mann und Frau, Hirten und Gelehrte, Himmel und Erde, alles kommt zusammen. Alles gehört zusammen, wenn wir es lassen. Unsere Kindersehnsucht und die Erwachsenenweisheit, die gebrochenen Lebensgeschichten und der Zauber des Heilands, angebrannte Plätzchen und Kerzenglanz. Stille Nacht und Last Christmas, Nord und Südhalbkugel, erste und dritte Welt. „Lass se doch“ sagt Gott. Wenigstens einmal im Jahr. Und lass die Welt, lass deine Anspannung und deinen Ärger. Denn ich bin doch bei Dir. Und bleibe. 

Amen

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