Predigt am 18. Sonntag nach Trinitatis

Predigttext Jak 2,1-13

Meine Brüder und Schwestern, haltet den Glauben an Jesus Christus, unsern Herrn der Herrlichkeit, frei von allem Ansehen der Person. Denn wenn in eure Versammlung ein Mann kommt mit einem goldenen Ring und in herrlicher Kleidung, es kommt aber auch ein Armer in unsauberer Kleidung, und ihr seht auf den, der herrlich gekleidet ist, und sprecht zu ihm: Setz du dich hierher auf den guten Platz!, und sprecht zu dem Armen: Stell du dich dorthin!, oder: Setz dich unten zu meinen Füßen!, macht ihr dann nicht Unterschiede unter euch und urteilt mit bösen Gedanken? Hört zu, meine Lieben! Hat nicht Gott erwählt die Armen in der Welt, die im Glauben reich sind und Erben des Reichs, das er verheißen hat denen, die ihn lieb haben? Ihr aber habt dem Armen Unehre angetan. Sind es nicht die Reichen, die Gewalt gegen euch üben und euch vor Gericht ziehen? Verlästern sie nicht den guten Namen, der über euch genannt ist? Wenn ihr das königliche Gesetz erfüllt nach der Schrift (3.Mose 19,18): »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst«, so tut ihr recht; wenn ihr aber die Person anseht, tut ihr Sünde und werdet überführt vom Gesetz als Übertreter. Denn wenn jemand das ganze Gesetz hält und sündigt gegen ein einziges Gebot, der ist am ganzen Gesetz schuldig. Denn der gesagt hat (2.Mose 20,13-14): »Du sollst nicht ehebrechen«, der hat auch gesagt: »Du sollst nicht töten.« Wenn du nun nicht die Ehe brichst, tötest aber, bist du ein Übertreter des Gesetzes. Redet so und handelt so als Leute, die durchs Gesetz der Freiheit gerichtet werden sollen. Denn es wird ein unbarmherziges Gericht über den ergehen, der nicht Barmherzigkeit getan hat; Barmherzigkeit aber triumphiert über das Gericht.


 

Ihr Lieben,

Kleidung ist ein Ausdruck von Persönlichkeit. Kleidung ist mehr als eine nur schützende und wärmende Hülle. Haute Couture aus London, Mailand und Paris. Auf den Laufstegen dieser Welt präsentiert von schönen Menschen. Einzelstücke, die mit erheblichem kreativem, finanziellem und zeitlichem Aufwand hergestellt werden. Wenn das Einzelstück gefällt, wenn das Einzelstück beim Publikum und den Fashion-Scouts gut ankommt, dann – ab und zu – wird so ein Einzelstück zum Produkt von der Stange. Zu einem Abglanz der High-Fashion-Herrlichkeit. Immer noch kreativ, aber weit günstiger zu haben. Unter Zeitdruck, aber mit geringem Zeitaufwand für das Einzelteil wird in Masse gefertigt. Blutige Finger haben alle Näher*innen am Ende einer Saison. Egal ob Haute Couture oder Everybodys Chick. Allein die Arbeitsbedingungen in London, Mailand und Paris unterscheiden sich massiv von denen in Bangladesch und Taiwan. Aber das juckt nicht so sehr, solange der Zwirn auf der Haut nicht juckt, sondern schön ist und gefällt. Denn: Kleidung soll etwas über die Person, die sie trägt, aussagen. Kleidung soll gefallen und die Person, die sie trägt, gefällig machen. Für die eloquent Vorlauten vielleicht Colour Blocking und fellbesetzte Eye Catcher. Für die eher sich vornehm Zurückhaltenden ein nicht zu unterschätzendes Spektrum von euphorischen Grautönen, von Asphalt- über Maus- hin zu Steingrau. Kleidung offenbart Persönlichkeit. Man meint, im Coco Chanel-Kostüm stecke der Charme und die Eleganz von Jacky Kennedy und färbe ab. Man meint, unter einer Amtsrobe stecke der Biss, der Gerechtigkeitssinn und die Würde von Fritz Bauer und färbe ab. Und man meint mit Karl Lagerfeld, wer eine Jogginghose trägt, der habe die Kontrolle über sein Leben verloren.

 

Nein, Ihr Lieben. Einfach Nein. Das sagt Jakobus uns heute Morgen dazu: Mag ja sein, dass Du Dir jemanden in einem adretten Matrosenkleidchen in Deiner Sofalandschaft eher vorstellen kannst, als den Jungen von gegenüber, von dem die Ärzte singen „Und wie du wieder aussiehst – Löcher in der Hose, und ständig dieser Lärm.“ Aber modischer Zweiteiler, Blaumann oder Pappnase sagen nichts darüber aus, ob ein von Herzen guter Mensch im Zwirn steckt. Zugegeben, auch Jakobus würde wahrscheinlich über eine grüne Krawatte mit kleinen Hunden zum braunen Tweed die Nase rümpfen und den geistig Greisen rechts liegen lassen. Aber darüber hinaus macht Jakobus Werbung dafür, den Menschen nicht nach seinem Äußern zu beurteilen, sondern ihn erst einmal einzuladen, freundlich zu sein und miteinander ins Gespräch zu kommen. So gut es eben geht.

 

Das ist natürlich leichter gesagt, als getan, Ihr Lieben. Denn, was tun, wenn sich jemand einfach so gar nicht anzuziehen weiß? Das kann beim stilbewussten Gegenüber ja bis zur Netzhautablösung führen. Viele Outfits grenzen ja an Körperverletzung. Und wenn man sich dann mit so einem blicken lässt? Was sollen denn da die Nachbarn denken? Z.B. die aus der Türkei? Da trägt man offenbar nicht einfach ein T-Shirt überm Oberhemd. Das sagt ja schon der Name. Das gehört drunter. Oder wars des Aufdrucks wegen? Wie auch immer, das T-Shirt gehört beim Mann drunter und nicht drüber. Sonst geht alles drunter und drüber, wie bei der Pressekonferenz am vergangenen Freitag. Wer ordentlich angezogen ist, über den muss man sich auch nicht aufregen. Klare Botschaft. Wer das T-Shirt drüber trägt, fliegt raus. Oder war es doch des Aufdrucks wegen? Pressefreiheit für Journalisten in der Türkei stand auf Deutsch und Türkisch drauf. Daran kann doch nicht ernsthaft jemand Anstoß nehmen? Doch. Jemand nahm Anstoß. Der Gast nahm Anstoß. Und so wurde der Journalist, nicht weil er schlecht angezogen war, sondern weil seine Kleidung eine klare, richtige und wichtige Botschaft hatte, aus dem Saal geführt. Ob ich es nicht richtig finde, dass es politisch neutrale Orte gibt? Doch, das finde ich richtig. Aber, wenn neutral relativ wird, muss man nicht Albert Einstein heißen, um zu bemerken, dass da über kurz oder lang größere Probleme auf uns zukommen, als Journalisten in bedruckten T-Shirts.

Meinung durch Kleidung äußern. Das ist ein heikles Thema. Hätten die Mädels in der Steinzeit gesagt: „Mama, das ist ja Fell! Voll gemein von Dir! Das arme Tier! Das zieh ich nicht an! Ich mach mir was aus Blättern!“? Evolutionär gesehen eine ganz blöde Idee. Und auf Evolution kommt es an. Bleiben wir blütenweiß und frisch gestärkt unauffällig oder zeigen wir Flagge? Egal, ob nun mit T-Shirt drüber oder drunter. Rote Socken oder naja,… Ihr wisst schon. Das sind Fragen, die auch die Modewelt beschäftigen. Aber wie komme ich eigentlich auf Mode? Das ist hier ja kein Lifestyle-Blog.

 

Ihr Lieben,

ein bisschen Lifestyle-Blog steckt in jeder Predigt und erst recht in der Prediger*in. Und der Herrenbruder Jakobus legt ja heute auch wirklich steil vor mit dem Vergleich zwischen dem, der mit einem goldenen Ring und in herrlichen Kleidern und dem, der in unsauberer Kleidung kommt. Und die beiden kommen ja auch nicht irgendwo hin. Der Reiche und der Arme, der gut und der schlecht Angezogene kommen in die noch junge Gemeinde, die Jakobus vor Augen hat. Vielleicht sind sie zum Gottesdienst gekommen. Die Situation ist nicht ganz klar. Aber ich kann mir das gut vorstellen. Wir haben hier ja oft genug auch solche Situationen. Da wird sich dann beschwert, dass diese oder jener einen vermeintlich schönen Platz hat und man selbst nicht, obwohl man doch... Unterstellt wird dabei oft die Gering- oder Wertschätzung von bestimmten Personengruppen in einem überhöhten Maß. Ein Weihnachtsklassiker. Stellt Euch schon mal drauf ein. Oder auch immer gerne gehört: Die jungen Leute ziehen sich ja nicht mal für die Kirche anständig an. Doch, tun sie. Sie ziehen Kleidung an, in der sie sich wohl fühlen und in der sie von uns und von Gott gesehen werden wollen. Und das ist auch gut und richtig so. Komm so, wie Du bist und mit allem, das Dich ausmacht, bewegt und trägt! Das ist die Botschaft, die Jakobus für uns hat. Was das Erzählen angeht, muss ich allerdings sagen: Jesus hatte das besser drauf. Der hat zwar, wie Jakobus, auch immer gesagt: Das ganze Gesetz zählt. Aber er hat da weit weniger drauf insistiert, als sein Bruder Jakobus. Gut, einer, der den ganzen Himmel in den Händen hält, der kann natürlich auch leicht aus dem Vollen schöpfen und über die Barmherzigkeit und die Liebe Gottes zu den Menschen reden. Jedenfalls leichter, als der, der glaubt, er müsse sich den Himmel erst noch erarbeiten. Einig sind sie sich aber in einem. Das ist so ein Familiending. Das hat Jakobus von seinem großen Bruder gelernt: Allein der Glaube zählt. Allein, was in uns ist, zählt. Allein, was wir draus machen, zählt. Und es geht um Liebe. Gnädig mit sich selbst sein und gnädig mit den andern sein: Komm so, wie Du bist und mit allem, das Dich ausmacht, bewegt und trägt und gönn das auch den anderen! Was Jakobus uns heute Morgen mitgibt, erinnert mich sehr daran, was Jesus über den reichen Jüngling sagt. Es geht ja bei weitem nicht nur um Modeerscheinungen. Darum exklusiv und in zu sein. Es geht nicht darum, ob man Trendsetter ist oder nicht und auch nicht darum, dass man sich getrost gehen lassen kann. Es geht darum, wie schwer es ist, die Perspektive zu wechseln. Vertrautes hinter sich zu lassen. Neu zu denken. Aber genau dafür macht Jakobus Werbung. Dafür, die Perspektive zu wechseln und die Dinge bzw. die Menschen aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.Bei Wein fällt mir das leicht. So ein Etikett ist trügerisch. Erstmal probieren. Und wenn er schmeckt, dann ist es doch egal, wie viel er gekostet hat und wie aufwändig das Etikett gestaltet wurde. Bei Menschen ist das gar nicht so leicht. Der erste Eindruck oder das Sich-riechen-Können, bestimmt den Verlauf der Beziehung.

 

Ihr Lieben,

Jakobus macht keine Werbung dafür, schlecht angezogen zu sein. Nein. Aber er macht Werbung dafür, genau hinzusehen und das Licht zu sehen, dass gerade auch durch die löchrige Kleidung schimmert und einen schönen Blick auf den Menschen hinter allem frei gibt. Er macht Werbung dafür, liebevoll aufeinander zu sehen und Gaben aneinander zu entdecken und wertzuschätzen. Und er macht Werbung dafür, sich gegenseitig in die Pflicht zu nehmen. Das Gesetz zu achten, davon nicht davon abzuweichen und auf die Barmherzigkeit Gottes zu vertrauen. Denn das ist, was das Gesetz ausmacht: Barmherzigkeit und Liebe Gottes. Das sind nicht einfach nur quälende Vorschriften, sondern ein Weg zu Gott und Glauben. Jakobus kann das alles so radikal fordern, weil sein Fokus eng auf seine Gemeinde gesetzt ist. Auf einen Ort, an dem sich die versammeln, die er für grundgut hält. Und unter denen soll Liebe das Thema sein und nicht Haute Couture und Fashion-Trends. Für uns heute, die wir den Blick vom Gemeindeleben auch in die Welt weiten, ist das weit schwieriger. Denn grundgut. Mein Gott. Das ist eben auch nur Gott. Aber etwas können wir heute Morgen doch mitnehmen, denn Jakobus mahnt Haltet den Glauben frei von allem Ansehen der Person. Das geht. Auch mit Weitwinkel. Also bitte: Lasst uns zuerst herausfinden, was das Besondere an einem Menschen ist, was in ihm ist, warum er zu uns kommt und dann lasst uns noch einmal auf sein Äußeres sehen. Es wird sich verändern sagt Jakobus. Und wo es um das leben und leben lassen geht, um glauben und fühlen, darum sich und andere liebevoll als Geschöpfe Gottes anzunehmen, da klappt‘s vielleicht ja auch mit dem ein oder anderen Nachbarn.

 

 

 

 

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