Predigt am 22. Sonntag nach Trinitatis

Predigttext Römer 7, 14-25a

 

Denn wir wissen, dass das Gesetz geistlich ist; ich aber bin fleischlich, unter die Sünde verkauft. Denn ich weiß nicht, was ich tue. Denn ich tue nicht, was ich will; sondern was ich hasse, das tue ich. Wenn ich aber das tue, was ich nicht will, stimme ich dem Gesetz zu, dass es gut ist. So tue ich das nicht mehr selbst, sondern die Sünde, die in mir wohnt. Denn ich weiß, dass in mir, das heißt in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt. Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht. Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich. Wenn ich aber tue, was ich nicht will, vollbringe nicht mehr ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt. So finde ich nun das Gesetz: Mir, der ich das Gute tun will, hängt das Böse an. Denn ich habe Freude an Gottes Gesetz nach dem inwendigen Menschen.  Ich sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das widerstreitet dem Gesetz in meinem Verstand und hält mich gefangen im Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern ist. Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem Leib des Todes? Dank sei Gott durch Jesus Christus, unsern Herrn!

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen!

 

Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht. Zitat: Paulus, Grammatikprofi, 50er Jahre des ersten Jahrhunderts. I wish I could, but I don`t want to. – Ich wünschte, ich könnte, aber ich will nicht. Zitat: Phoebe Buffay, Sitcom-Heldin ohne Gewissensbisse, 90er Jahre des letzten Jahrhunderts. Wollen oder nicht wollen – das ist hier heute Morgen gar nicht die Frage. Die Frage ist: Was hat mein Unvermögen eigentlich für Konsequenzen? Und was muss zu meinem Unvermögen hinzukommen, damit es nicht ein besseres Licht auf mich selbst wirft, sondern damit mein Licht in die Welt strahlt?

 

Ihr Lieben,

das scheint so mein Ding zu sein:

Wissen, was gut ist. Jedenfalls theoretisch.

Versuchen, es gut zu machen. Eher so konzeptionell.

Und dann dabei versagen, gut zu sein. Mal ganz praktisch gedacht.

Und irgendwie scheint es, dass aber genau das auch völlig ok so ist.

Es kommt doch auf das Bemühen an. Habe ich zumindest so im Ohr. Und schließlich gibt es doch nicht umsonst bei den Bundesjugendwettspielen auch Teilnehmerurkunden. Was das Gute angeht, muss ich es auf den Versuch ankommen lassen. Das ist doch so eine try & error-Geschichte. Ich muss es versuchen und wenn es schiefläuft: Aufstehen, Krönchen richten und weitermachen. Oder – spiritueller gedacht – es ist so eine trust & try-Geschichte. Ich muss also Vertrauen haben, dass gut gedacht auch gut gemacht wird und es einfach versuchen. Mit Gottvertrauen einfach mal machen! Oder auch nicht. Ganz nach Gusto. Aber Hauptsache ehrlich. Vielleicht nicht ganz so direkt wie Phoebe, aber so in die Richtung. Nein sagen. Das kann man schon auch mal machen. Aber wie gesagt, wollen oder nicht wollen, das steht hier grade gar nicht zur Debatte. Denke ich jedenfalls so…

 

Paulus denkt da allerdings ganz anders…

Er sagt: Julia, Du bist nicht gut. Das kannst Du auch gar nicht sein. Und wollen oder nicht wollen, das macht schon einen Unterschied. Denn sei mal ehrlich: Es gab doch Jahre, in denen hast Du nicht einmal eine Teilnehmerurkunde bekommen. Aber wenn es Dich tröstet, lass Dir sagen: Die anderen um Dich herum sind auch nicht annähernd so gut, wie sie meinen.

Wie sich das anfühlt?

Horcht doch mal in Euch hinein.

Nicht so super, ne?!

Was ist da: Ärger? Betroffenheit? Wiederstand? Zustimmung?

 

Paulus scheint heute Morgen mit Verletzung punkten zu wollen. Gelingt ihm bisher auch ganz gut. Und dabei gebe ich mir doch immer mit allem so Mühe. Aber diese harten und irgendwie ungerechten Worte kann ich nicht so richtig einsortieren. Schon gar nicht an einem Sonntag, dessen zentraler Gedanke das gemeinsame gute Handeln und das aneinander gute Handeln ist. Das reine Wissen darum, dass Paulus auf was ganz anderes mit seiner protestantischen Selbst- und Publikumsbeschimpfung hinauswill, hilft mir im Moment da dann auch nicht wirklich weiter. Heute sollte es doch darum gehen, dass unser gemeinsames Bemühen und das Sich-füreinander-Bemühen gut ist, gebraucht und gesehen wird, wertgeschätzt wird.

 

Danke, Paulus, antworte ich also, das muss ich jetzt erklären und gut Wetter machen. Nur weil Du kompliziert bist, den Ton mal wieder nicht triffst, den Bogen überspannst. Am Ende gehen gute Menschen traurig nach Hause und sagen Nützt ja eh alles nichts: Ich lass das jetzt mit dem Helfen! Danke, Paulus, das ist echt keine Hilfe. Oder mit Deinen Worten: Das war nicht gut!

 

Aber ihr Lieben,

Paulus hat ja Recht.

Auch wenn er den Ton nicht so richtig trifft und mich seine Worte wirklich ziemlich betroffen machen. Es gab Jahre, da habe ich tatsächlich nicht einmal eine Teilnehmerurkunde bei den Bundesjugendwettspielen bekommen. Nicht, dass ich es nicht versucht hätte. Aber der Versuch allein bringt’s halt doch auch nicht immer. Es reicht nicht, theoretisch zu wissen, wie man laufen, springen, werfen muss. Man muss das schon auch praktisch hinbekommen. Jedenfalls diese lebenspraktischen Dinge. Und Paulus kann mir an dieser Stelle deshalb so energisch auf den Zahn fühlen, weil er genau das selbst durchgemacht hat. Weniger mit Laufen, Springen, Werfen, als mit Lesen, Leben, Reden, aber er kann nachvollziehen, wie es ist, sich zu bemühen und die Bemühungen ins Leere stürzen zu sehen. Er kann nachvollziehen, dass die lebenspraktischen Dinge vorrangig bedacht werden. Sport z.B. Da geht es dann darum, den inneren Schweinehund davon abzuhalten, auf der großen grünen Wiese zu faulenzen. Unvermögen wird da nicht mit Urkunden gekürt. Paulus hat das selbst durchgemacht. Er war ein fleißiger, kluger Mann. Aber er hat sich so sehr auf die lebenspraktischen Dinge und auf das Richtigmachen konzentriert, dass ihm Glaube, Hoffnung, Liebe aus dem Blick geraten sind. Am Ende hatte er nicht das Gefühl, alles richtig gemacht zu haben oder sogar gut gemacht zu haben. Daher schreibt er seinen Brief an die Römer nicht unbedingt aus reiner Herzensliebe. Aber er schreibt ihn, weil er weiß, wie sehr sie sich bemühen und nicht sehen, dass ihr Bemühungen allein nicht reichen. Sie halten die Gebote. Sie halten sich eifrig ans Gesetz. Und sie haben kluge Fragen. Denken nach und handeln dann. Alles tadellos. Aber es fehlt ihnen an etwas. Sie tun nur Pflicht und es fehlt ihnen an Kür. Paulus weiß das. Dass mir und uns das heute Morgen nicht sofort auffällt, liegt daran, dass das, was fehlt, für uns ganz selbstverständlich ist. Wir wissen längst um das, was trägt.

 

Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt, denn das ist meine Welt und sonst gar nichts. Zitat: Marlene Dietrich, Engel mit locker sitzenden Flügeln, 30er Jahre des letzten Jahrhunderts. Und sonst gar nichts. Es hat lange gedauert, bis frei denkende Frauen (und Männer) sich dazu durchringen konnten, anzuerkennen, dass es besser als nichts ist, sich zu bemühen. Und dazu, dass Vollkommenheit einfach nicht in der Natur des Menschen liegt. Paulus weiß das schon lange. Und mir wird es auch langsam deutlicher. Wir sind schon ok so, wie wir sind. Oder anders: Sündige kräftig, aber glaube noch kräftiger. Zitat: Martin Luther, Reformator mit Herz, 16. Jahrhundert. Denn Gott hat uns sehr bewusst als Gegenüber geschaffen. Mit allen Unzulänglichkeiten. Aber er hat uns auch mit einem kleinen Extra ausgestattet: Ein fühlendes Herz. Und das kann mit Paulus Pflicht und mit Marlene Kür. Und dann muss vielleicht doch noch gefragt werden, ob das überhaupt Sünde sein kann, wo es doch von Gott selbst kommt.

Irgendwo in den Jahren und Jahrhunderten zwischen Paulus, Martin Luther und Marlene Dietrich ist dieser Gedanke, dass Gott uns annimmt, wie wir sind und dass es ihm allein darauf ankommt, dass wir in Liebe zu ihm miteinander umgehen, immer wieder in Vergessenheit geraten. Seiner Gemeinde in Rom erklärt Paulus aufwendig und wortgewaltig, aufrüttelnd und verletzend, wie sehr sie irren, wenn sie allein auf den Buchstaben, das Gesetz, das Diesseitige sehen und vergessen, dass es eine reale Hoffnung auf den Himmel, Liebe und Vergebung für jeden gibt, der einfach glaubt. Für jeden, der einfach glaubt und vertraut. Und zwar nicht in die eigenen Fähigkeiten und den eigenen klugen Kopf, sondern darauf, dass Gott Geist und Segen zu all unserem Tun hinzugibt, damit es schlussendlich doch gut wird.

Paulus sagt den Römern deshalb sinngemäß: All Euer Bemühen ist wertvoll. Aber nur dann, wenn Ihr Euch bemüht, weil Ihr den Himmel im Herzen und Euren Nächsten vor Augen habt. Das klingt schon viel freundlicher. Damit kann auch ich etwas anfangen.

Unglücklicherweise wurde in den Jahren und Jahrhunderten nach Paulus die Sünde allgegenwärtig, unausweichlich und in der Folge tödlich und nach dem Tod noch quälend. Das war für die Kirche lukrativ und hat sich als Idee lange gehalten. Martin Luther hat wiederentdeckt, was Paulus da über Himmel und Herz sagt und wir können heute im 501. Jahr der Reformation ganz entspannt sagen: Mit der nötigen Portion Gottvertrauen wird alles immer gut und sind wir gut, so wie wir sind.

Gottvertrauen. Das ist es, worauf Paulus hinauswill. Und was uns eigentlich ganz selbstverständlich vorkommt. Gibt es außer mir hier heute Morgen sonst noch jemanden, der meint, dass Paulus das auch gleich hätte sagen können?

 

Naja, Ihr Lieben,

alte Wunden sitzen tief.

Der Ausgangspunkt war ja: Du kannst nicht gut sein!

Und dabei bemühe ich mich in allem immer so. Und nicht nur ich. Hier sind heute Morgen viele, die sich bemühen und nicht nur das. Nicht für sich selbst, sondern vor allem für andere. Z.B. ganz allgemein für ihre Gemeinde. Was wären wir ohne Euch Lektoren im Gottesdienst? Woher wüsste die Gemeinde von unseren schönen Angeboten, wenn Ihr nicht die Gemeindebriefe gestalten und verteilen würdet? Das ist der Kern dessen, was wir in unseren Herzen behalten sollen: Das Für-andere-da-Sein.

Es geht nicht darum, um unserer Willen dem inneren Schweinehund einen Maulkorb anzulegen und ihn von der Wursttheke fern zu halten. Und es geht auch nicht darum, um unserer Willen die lockersitzenden Flügel festzuzurren und den Heiligenschein auf Hochglanz zu polieren. Der kann schon ruhig ein bisschen schief sitzen und leicht angelaufen sein. Oder mit Martin Luther: Sündige kräftig, aber glaube noch kräftiger.

Uns bewusst zu machen, dass das, was wir tun, mit Gottvertrauen gut wird, gewollt und gesehen und wertgeschätzt wird – ja: lebenswichtig ist – das ist es, worum es Paulus wirklich geht.

 

Ja, wir aus uns heraus können nicht gut sein. Aber wir aus uns heraus können für- und miteinander im Glauben gut sein. Und unser Licht gemeinsam in die Welt hineinstrahlen lassen. Und das ist ein ganz wunderbarer Gedanke. Keiner, der verletzten will. Sondern einer, der befreien will. Und einer, der etwas bewegen kann. Nämlich uns. Zueinander.

Achtet Euer Tun also nicht gering. Redet es nicht klein und lasst Euch von niemandem einreden, dass es klein ist. Denn solange Ihr es aus Liebe tut und mit ganzem Herzen und mit ganzem Verstand, ist es gut.

Im Psalm hieß es vorhin: Lehre mich tun nach deinem Wohlgefallen, denn du bist mein Gott; dein guter Geist führe mich auf ebener Bahn. (Ps 147,10)

Das wird er wohl.

Ich glaube fest daran.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

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