Predigt am drittletzten Sonntag des Kirchenjahres

Predigttext Hiob 14,1-6

 

 

 

14, 1 Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe, 2 geht auf wie eine Blume und welkt, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht. 3 Doch du tust deine Augen über einen solchen auf, dass du mich vor dir ins Gericht ziehst. 4 Kann wohl ein Reiner kommen von Unreinen? Auch nicht einer! 5 Sind seine Tage bestimmt, steht die Zahl seiner Monde bei dir und hast du ein Ziel gesetzt, das er nicht überschreiten kann: 6 so blicke doch weg von ihm, damit er Ruhe hat, bis sein Tag kommt, auf den er sich wie ein Tagelöhner freut.

 

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen!

 

Warum sagst du mir nicht direkt ins Gesicht, was dein Problem ist? Lass mich in Ruhe, geh weg, du tust mir weh! Hiob ist wütend auf Gott. Und ich bin es auch. Warum? Ist einfach so! Gott ist irgendwie zu oft weg.

 

Siehe, jetzt ist die willkommene Zeit, siehe, jetzt ist der Tag des Heils. Gott, was soll das denn für eine Zeit sein? Und was soll das für ein Tag sein? Willkommen habe ich mich schon lange nicht mehr gefühlt. Und erst recht nicht heil, ganz und ungebrochen. Willkommen? Das sagt doch keiner zu mir. Ich schleppe viel zu viele Sorgen mit mir herum. Ungebrochen? Mein ganzes Leben ist in die Brüche gegangen. Das alles sagt Hiob zu Gott.

Ich verstehe ihn. Warum? Ist einfach so! Gott sieht irgendwie zu oft weg. Selbst in der Kirche. Da wo es für ihn ungefährlich ist. Vor Kurzem brannte in Wittenberg ein Flüchtlingsboot. Ein ausgestelltes Flüchtlingsboot. In einer Kirche. Unbesetzt. Aber trotzdem. Hej Gott, kannst du bitte mal hinsehen?

 

Ihr Lieben,

jetzt ist alles gut. Heißt es. Heute ist ein vollkommener Tag. Heißt es. Für manch einen ist das am Elften im Elften so, ja. Auch für mich ist heute ein besonderer Tag. Aber keinesfalls ein vollkommener. Für mich ist heute ein Erinnerungstag. Und nicht nur für mich. Am Elftem im Elften erinnere ich mich an die Charlie Chaplin- und Harlekinkostüme meiner Kindheit und an die Karnevalsbegeisterung meines Vaters, die ich noch gar nicht so lange teile. Wenn ich ehrlich bin, erst Krankheiten und Tod haben mich zu einem echten Jecken werden lassen. Karneval. Das ist meine Himmelsleiter, um mich verbunden zu fühlen. Im Leben und im Tod verbunden mit einem Menschen, den ich mehr als jeden anderen auf der Welt geliebt habe.

Aber geht es beim Heil-Sein eigentlich um Vollkommenheit? Darum, ungebrochen vor Gott zu stehen? Ohne Fehl und Tadel, Klage, Ach und Weh? Hiob sieht das anders. Ich auch. Und da helfen auch keine roten Nasen. Oder doch? Doch. Schon. Rote Nasen helfen. Sie helfen dem Erinnern auf die Sprünge. Und sie machen auf etwas aufmerksam: Brandspuren und Verletzungen. Sonnenstrahlen und Konfetti.

 

Ihr Lieben,

Ihr wisst ja, es gibt die drei großen „K“s – besonders relevant für Frauen meines Alters – Clowns, Kinder, Kirche. Die gehören zusammen. Untrennbar.

Clowns fand ich schon als Kind gut. Ich mochte die leisen gerne. Die mit den spitzen Hüten und den Seifenblasen. Typ Pierrot. Meine Schwester mochte die, die bunt und laut übereinander fielen. Typ dummer August. Sie alle hatten so was an sich. Nee, keine roten Nasen. Ja, doch, natürlich auch die. Aber vor allem war da mehr als nur Lachen. Da gab es immer noch eine zweite Ebene, etwas, was nicht sofort klar war. So wie ein Spiegelbild in einem zerbrochenen Fenster. Darin sieht man Teile des eigenen Gesichts und Teile des Gesichts auf der anderen Seite. Man dringt ein wenig unter die Oberfläche und sieht mehr, als nur sich selbst. Clowns spiegeln. Sie zeigen uns, wie wir sind und geben sich selbst dabei der Lächerlichkeit preis. Das wir über sie lachen macht ihnen nichts aus. Das fand ich immer doll. So ein dickes Fell wollte ich auch. Will ich noch. Sie weisen auf all das hin, was in Schieflage geraten ist. Im Kleinen und im Großen. Familiensystem und Weltpolitik. Einem Clown ist nichts fremd und fies. Sie legen den Finger in die Wunde. Und das erfordert Mut. Noch so was Dolles. Ohne Rücksicht auf Verluste. Wollte ich auch. Will ich noch. Sie agieren am Puls der Zeit. Ihr Wecker steht immer auf „Jetzt“. Und sie machen deutlich: Wer Ohren hat zu hören, der höre! Wer Augen hat zu sehen, der sehe! Die Frage ist: Vertrauen wir ihnen? Was ist schon so ein Clown? Von Kindern bewundert und zugleich ausgelacht?

 

Ihr Lieben,

Humor hilft heilen und überwinden, annehmen und verarbeiten. Deshalb gibt es z.B. Klinik- und Demenzclowns. Das sind Menschen, die sich eine rote Nase aufsetzen und mit ihren besonderen Gaben Menschen begegnen, die ohne sie nichts zu lachen hätten. Bei meinem Vater habe ich vorbeigeschaut. Kein Clown. Er hätte einen brauchen können. Hiob auch.

Humor hilft verändern, erkennen und benennen und mal kurz in sich gehen, ob man die Welt wirklich so will, wie sie gespiegelt wird.

Charlie Chaplin hat das gemacht. Mit beiden Armen die Welt aus den Angeln gehoben und balanciert. Am Fließband Einsatz mit dem ganzen Körper gezeigt und damit auch das Risikopotential dieser ermattenden und seelenraubenden Arbeit.

Karl Küppers hat das gemacht. Den rechten Arm gehoben und nicht die zu erwartenden Nazi-Parolen gerufen, sondern deutlich gemacht, dass er diese Ideologie für Dreck hält und kaum wert, sich damit zu befassen. Und doch mussten sich Menschen, Clowns, wie Chaplin und Küppers befassen und der Welt, v.a. auch der rheinischen Welt, den Spiegel vorhalten. Hat man es verstanden? Karl Küppers hat in Köln Berufsverbot bekommen. 1939 war das. Längst lagen die Synagogen der Republik, die sich nach Frieden sehnte, in Schutt und Asche. Längst war klar, wohin es das politische Berlin trieb. Auch wenn da Viele die Augen ganz fest vor verschlossen.

Und Hiob macht das. Er ist ein Clown. Er führt die Freunde vor. Einen nach dem anderen. Fromme Männer, die ihn nicht verstehen, bei ihm Schuld suchen. Schuld für Nichts. Hiob ist ganz Clown. Er spiegelt den Himmel. Und Gott muss sich erklären. So wie wir. So wie wir den Clowns, die wir auslachen und beim Nachhause-Gehen bewundern.

Humor. Clownshumor. Das sind alles nur Bruchstücke. Bruchstücke von Leben und Leben lassen, die erst am Ende Sinn ergeben. Bruchstücke, die uns was zeigen wollen, vor dem wir die Augen verschließen. Musste Hiob kapieren. Und ich auch. Dabei helfen: Kinder.

 

Ihr Lieben,

was geben wir unseren Täuflingen mit? Engel sollen sie behüten. Und furchtlos sollen sie sein, liebevoll und besonnen.

Wir erwarten viel von unseren Kindern. Auch von uns? Hiob hat keine Kinder. Er hatte welche. Jetzt nicht mehr. Ich habe auch keine Kinder. Noch nicht. Haben Hiob und ich was zu kamelle? Ja natürlich. Und in Clownsschuhen kann ich frei nach Luther ja auch gar nicht anders.

Kinder – Täuflinge – geben eigentlich uns etwas mit. So ist es richtiger. Die von Engeln behüteten, furchtlosen, liebevollen, besonnenen Kinder geben uns etwas mit. Das Augen öffnen. Und mit frischem, unverstelltem Blick in die Welt sehen. In ihren Augen spiegelt sich unsere Liebe und unsere Sorge. Sorgen für sie und für die Welt. Heillos durcheinander? Wohin damit?

Die drei „K“s. Nicht nur etwas für Frauen in meinem Alter. Von den Clowns lernen, Lust an Lasten zu empfinden.

Von den Kindern lernen, unvoreingenommen zu sein.

Und von der Kirche lernen, einfach zu glauben, dass Gott da ist, liebt und gnädig ist und uns seine Engel sendet. Leichter gesagt, als getan. Wo ist Gott denn?

 

Ihr Lieben,

Gott lässt sich überall dort finden, wo wir ihn suchen. Immer der Nase nach, würde ich empfehlen. Auch Hiob weiß das. Und ich. Vielleicht. Hiob gibt die Hoffnung nicht auf. Seine Hoffnung bringt ihn ins Leben zurück. Hiob sucht den Konflikt, er akzeptiert Gottes Verhalten nicht. Er sagt deutlich: Ich bin wütend auf dich, Gott! Aber er redet mit ihm. Wer traut sich das schon? Ein Clown? Ich? Ihr?

Hiob ist stark. Das macht ihn zu einem ganz besonderen Menschen. Einem Menschen mit ganz besonderen Erfahrungen der zweifelt. Aber er bleibt mit seinen Zweifeln im Gespräch. Er verkriecht sich nicht. Er sagt rundheraus, was ihn verletzt hat und er gibt sich nicht mit Floskeln zufrieden. In diesem Sinne ist er ganz Clown. Die wollen auch unsere echten Reaktionen, unser ganzes Herz. Und in diesem Sinne ist er ein wunderbares Vorbild für uns und unsere Kinder.

Hiob macht das Gespräch stark. Die Auseinandersetzung. Das Miteinanderumgehen. Wenn wir das übernehmen, ist bei Clowns, Kindern und Kirche viel gewonnen. Und die Brutalen und Dummen sind wieder etwas entmachteter.

Lasst uns also mit Hiob streiten und vertrauen. Und mit den Clowns am Elften im Elften und an allen Tagen nicht Hütchen auf und mit, sondern Nase auf und dagegen halten, sagen was Sache ist und Lacher einstecken. Manche werden auf unserer Seite sein. Ich bin mir sicher. Denn – und das glaube ich wirklich trotz allem von ganzem Herzen – Gott will unsere Träume und stürzt die Leitern, die wir an seinen Himmel anlegen nicht um. Er will unser Leben ganz, mit allen Untiefen und wir dürfen mit ihm streiten, wie Kinder mit ihren Eltern.

Siehe, jetzt ist der Tag des Heils.

Vollkommen, weil Ihr es seid mit Euren roten Nasen und allen Euren Fragen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

 

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