Predigt am Reformationstag

Predigttext Markus 10, 46-52

 

46 Und sie kamen nach Jericho. Und als er aus Jericho hinausging, er und seine Jünger und eine große Menge, da saß ein blinder Bettler am Wege, Bartimäus, der Sohn des Timäus. 47 Und als er hörte, dass es Jesus von Nazareth war, fing er an zu schreien und zu sagen: Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! 48 Und viele fuhren ihn an, er sollte schweigen. Er aber schrie noch viel mehr: Du Sohn Davids, erbarme dich meiner! 49 Und Jesus blieb stehen und sprach: Ruft ihn her! Und sie riefen den Blinden und sprachen zu ihm: Sei getrost, steh auf! Er ruft dich! 50 Da warf er seinen Mantel von sich, sprang auf und kam zu Jesus. 51 Und Jesus antwortete ihm und sprach: Was willst du, dass ich für dich tun soll? Der Blinde sprach zu ihm: Rabbi, dass ich sehend werde. 52 Und Jesus sprach zu ihm: Geh hin, dein Glaube hat dir geholfen. Und sogleich wurde er sehend und folgte ihm nach auf dem Wege.

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen!

 

Gott wird im Schweigen geehrt – nicht, weil wir nichts über ihn sagen könnten, sondern, weil er über alle Worte erhaben ist. Ein Plädoyer für das Schweigen und zur Ruhe kommen von Thomas von Aquin. Aber bevor einer meint, ich lasse jetzt das mit dem Predigen: Es geht darum, bei Gott Ruhe zu finden. Nicht darum, einfach nichts mehr zu sagen. Und Ruhe finden, das ist eine Herzensangelegenheit von mir.

 

Ruhe finden. Das ist auch eine Herzensangelegenheit von Bartimäus. Schweigen. Das ist seine Sache allerdings nicht. Er ruft: Erbarme Dich meiner!

Laut sein – das ist seine einzige Chance, die Menge zu überwinden. Um ihn herum ist eine ganze Stadt auf den Beinen. Wie am verkaufsoffenen Sonntag, so ist es in Jericho. Da ist ordentlich was los.

Menschen drängeln sich durch das Stadttor und an den Ständen der Händler entlang. Gewürze und Tuch. Schriften aus der ganzen bekannten Welt und in allen bekannten Sprachen. Lebensmittel und Seelenheil. Ein echter Markt der Möglichkeiten. Man kennt sich. Man freut sich. Man ruft sich etwas zu. Man steht in kleinen Gruppen zusammen. Diskutiert. Informiert. Wirbt. Die Stimmung ist aufgeheizt. Politisch ist einiges im Umbruch. Viele sind optimistisch, dass der König, trotz allem, König bleibt. Einige setzen auf einen andern. Aber wer das sein soll? So genau weiß man es nicht. Es wird Stimmung gemacht und spekuliert zwischen Brot und Fisch.

Bartimäus sitzt im Tor. Er sitzt auf dem Weg. Er sitzt mitten in dieser Wolke aus Stimmen, kaum voneinander zu unterscheiden. Fast schon in der Stadt Gottes. Aber noch in Jericho dem letzten Ort, an dem man ausruhen kann, bevor es hinauf nach Jerusalem geht. Ganz nah dran. Aber noch nicht da.

Sein Gehör ist gut. Aber den ganzen Tag hat er den Blick gesenkt. Das bunte Stimmengewirr kann er nur hören. Die bunten Umhänge der Menschen nur spüren, wenn sie ihn streifen. Er sieht nichts davon. Und auf einmal, da verändert sich etwas. Die Klangfarben werden heller. Etwas höher werden die Stimmen. Etwas aufgeregter. Etwas drängender.

Da ist etwas, spürt Bartimäus. Da ist etwas, das mich etwas angeht. Aufmerksam und neugierig spürt er dem nach.

 

Ruhe finden. Genau das will ich auch. Ich rufe: Erbarme Dich meiner!

Leise sein. Das ist meine einzige Chance, die Menge zu überwinden. Dabei mag ich es eigentlich ganz gern, wenn es um mich herum laut ist. Ich mag es, wenn es stürmt und der Wind an meiner gelben Regenjacke zerrt, die Regentropfen auf meinen gepunkteten Schirm trommeln. Wenn die Orgel braust und die Töne durch den hellen, hohen Kirchraum fetzen. Wenn Kinder lachen, knatschen, quietschen. Wenn Stimmen durcheinander taumeln, wie herbsttrunkene Hühner. Ich mag Tröten und Trommeln und Konfetti. Innen drin ist es schließlich immer so. Kreatives Chaos. In jeder Ecke Bastelkleber und Gefühl.

An den stillen Tagen, an den im Schweigen versunkenen Tagen, an den Tagen, an denen nichts fetzt, quietscht und taumelt, schaue ich mich manchmal erschrocken um. Einen Augenblick lang denke ich dann: Huch! Meine innere Konfettikanone hat jemand gehört, der Trommelwirbel tief drinnen hat jemanden gestört. Die Flut an Worten in meinem Herzen hat jemanden mitgerissen und fortgespült. Innen drin ist immer Rambazamba. Leise drehen. Das ist nicht drin. Denn zwischen Bastelkleber und Gefühl komm ich nicht an den Regler ran. Dabei sehne ich mich nach nichts mehr. Und danach, zu sehen. Zu sehen, was Sache ist.

Mein Herz sitzt, wie Bartimäus, mit gesenktem Blick und gutem Gehör und Gespür für seine Umgebung im Tor. Im Tor zum Leben. Es sitzt auf dem Weg. Auf dem Weg zum Leben. Es ist fast schon mit Gott. Und gleichzeitig mitten unter den Menschen. Aber es ist unruhig. Und muss im Gegensatz zu Bartimäus zum Schweigen gebracht werden.

Da ist etwas, spüre ich. Da ist etwas, das mich ruhiger werden lässt. Aufmerksam und neugierig spüre ich dem nach.

 

Erbarme Dich meiner!, ruft Bartimäus, den Blick noch immer gesenkt. Erbarme Dich meiner!

Er wird in die Seite geknufft. Pssssst, sei nicht so fordernd. Das ist ja unangenehm, bekommt er zugeraunt. Bartimäus ruft wieder und wieder. Den anderen ist er peinlich. Viele drehen sich weg. Erröten. Sie überhören ihn. In einer lauten Stadt wie Jericho ist das leicht.

Einer überhört ihn nicht. Einer hört Bartimäus Stimme aus der Menge heraus. Und er ruft ihn zu sich. Was willst Du, dass ich für Dich tun soll?, fragt er. Ist das denn nicht eigentlich klar? Die Menschen sind plötzlich ganz still. Die Frage nach dem Offensichtlichen macht sie für einen Augenblick angenehm sprachlos.

Bartimäus wirft seinen Mantel weg. Mühsam befreit er sich von allem, was ihn an das Stadttor auf dem Weg vom einfachen Leben zu einem Leben in der Nachfolge trennt und steht auf. Er überlegt. Was willst Du, dass ich für Dich tun soll? Das hat ihn so noch niemand gefragt.

 

Nichts ist schlimmer für mich, als gesagt zu bekommen: Jetzt beruhig Dich mal! Als könnte ich einfach so den Deckel auf die Bastelklebertube schrauben und das Konfetti zusammen und unter den Teppich kehren. Und nichts wünsche ich mir mehr, als gefragt zu werden: Was willst Du, dass ich für Dich tun soll? Nichts ist schwerer zu fragen und zu beantworten. Der, der fragt, muss stillhalten und der, der gefragt wird, muss ehrlich in sich hineinhorchen. Das nimmt Zeit in Anspruch. Zeit füreinander. Gemeinsames Suchen von unter Konfettibergen Verborgenem.

 

Was willst Du, dass ich für Dich tun soll?

Bartimäus überlegt einen Augenblick lang. Da fragt einer nach ihm. Er kann seine Bedürfnisse selbst zu Gehör bringen. Er darf sagen, was er braucht.

Sonst landet immer irgendetwas von dem, was die Menschen meinen, was er brauchen könnte, in seiner Schüssel vor ihm auf dem Weg.

Dieser Mensch scheint anders zu sein. Er nimmt Rücksicht und gibt Bartimäus das Gefühl, als Mensch mit einer eigenen Meinung, mit einer eigenen Stimme wichtig zu sein. Und das im Gespräch. Nicht als Schrei aus der Menge heraus, so von Händler zu Händler, sondern als ein echtes Gegenüber. Auf Augenhöhe will Bartimäus mit diesem Menschen sein. Ja, das ist es, was er wirklich braucht. Einen Gesprächspartner auf Augenhöhe. Und so sagt er: Rabbuni – mein Lehrer – mach, dass ich aufblicken kann.

 

Aufblicken. Der Blinde war blind für das Miteinander, für das Zwischenmenschliche, für das, das uns den Himmel im Hier und Jetzt öffnet. Aufblicken. Das ist mehr als nur Sehen. Das ist Vertrauen haben. Nicht jeden Schritt im Blick, sondern das Himmelblau im Blick haben. Sprechend nebeneinander hergehen. Einander Dinge zeigen. Aufblicken. Einander anblicken und sehen. Und so sagt Bartimäus auch: Mach, dass ich vertrauen haben kann.

 

Das möchte ich auch. Ich möchte fragen Was willst Du, dass ich Dir tun soll? Und dann nicht hören: Wer fragt, hilft nicht gern! Ich möchte fragen und gefragt werden. Und ich möchte genug Stille schaffen und aushalten können, um in Ruhe über diese schwierige Frage nachzudenken. Denn zu sagen, was ich brauche: Das erfordert ein bisschen Mut. Jedenfalls gegenüber den Menschen.

 

Bartimäus hat Mut. Und nicht nur ein bisschen.

Jesus, der, der ihn hört und sieht und so sehr berührt, dass Bartimäus im nachfolgt, der hat die Ruhe weg. Auf dem Weg in die Stadt Gottes, nahe an seinen eigenen Tod und an den Himmel heran, nimmt ihn Bartimäus war, als der, der er ist: Jesus, Sohn Davids. Der König, der kommen soll und den noch niemand kennt, obwohl ihn alle vor der Nase haben. Der blinde Bettler im Tor, sieht ihn. Als Einziger.

Sie gehören zusammen.

 

Gott wird im Schweigen geehrt. Ruhe und Stille. Gut und schön. Gott kennt mein Herz und sieht, was darinnen ist. Ich bin gar nicht immer so sicher, was da wirklich ist. Mit Gott kann ich Ruhe finden. Mich sortieren und fokussieren. Gott dreht mit mir jedes Konfetti einzeln um, wenn es sein muss. Und mit den Menschen muss, will, kann und darf ich reden, im Gespräch sein. Fragen und mich fragen lassen. Wer nach Jerusalem will, muss durch Jericho. Durch das Tor, die Menge und an Bartimäus vorbei. Wie mein innerlich unruhiges Herz auf dem Weg zu Gott, sitzt der äußerlich unruhige Bartimäus im Tor und wartet – auf den, der ihn fragt, zu dem er aufblicken und mit dem er mitgehen kann.

 

Martin Luther schreibt über den Glauben, er sei eine lebendige, verwegene Zuversicht auf Gottes Gnade. Und Herz – mein Herz, unser Herz – denke ich, ist der Schlüssel zu allem. Und Konfetti und Buntheit macht die Enge weit und die Dunkelheit hell. Lässt tief und weit blicken, sehnen und sehen. zur Ruhe kommen. gemeinsam sein.

 

Ich glaube das und ich schäme mich des Evangeliums nicht. Warum auch? Es hat mir so viel zu bieten. Es hat uns so viel zu bieten. Es erlaubt mir, die Perspektive zu wechseln und Hoffnung zu behalten, selbst in dunkler werdenden Zeiten.

Und mein Glaube hilft mir, das Wesentliche in den Blick zu nehmen. Zu fokussieren. Scharf zu stellen. Auf das kreative Chaos in mir drin zu sehen. Und zu sortieren. Das Konfetti auf, aber nicht beiseite und unter den Teppich zu kehren und es mit beiden Händen in die Luft zu werfen.

 

Das Wesentliche. Meine Blickrichtung, das seid Ihr. Ihr, die Ihr wie ich glauben wollt und den Himmel einen Spalt weit offen seht. Lasst uns einander fragen: Was willst Du, dass ich für Dich tun soll? Und uns Zeit nehmen, in unsere Herzen hineinzuhorchen, die Augen zu öffnen, aufzublicken und voll lebendig, verwegener Zuversicht auf Gottes Gnade zu sagen, was Sache ist. Frei raus. Einfach so. Nicht ins Getöse hinein. Sondern in die Stille, die sich um uns breitet, wenn wir es zulassen. Und dann, so glaube ich, hören wir nicht, sondern sehen. Wir sehen in den Augen des Gegenübers die gleiche lebendig-verwegene Zuversicht, die wir selbst im Herzen haben.

 

Also: Mutig mit Christus voran. Segel setzen. Und heute am Reformationstag mit Luther verwegen sein. Denn: Der Glaube trägt. Er lässt uns einander anblicken und zum Himmel aufblicken. Und er lässt uns in der lebedigen, verwegenen Zuversicht auf Gottes Gnade frei heraus sagen, was wir brauchen. Das geht sogar ohne Worte. Drinnen im Herzen. Und deshalb: Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist, als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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