„Sie waren uns gegenüber ungewöhnlich freundlich.“

„Sie waren uns gegenüber ungewöhnlich freundlich.“

(Apg 28,2)

 

Das sagt der Apostel Paulus über die Malteser, die ihn und die Mannschaft des Schiffs, auf dem er nach Rom gebracht werden soll, bei sich aufnehmen, als das Schiff in Seenot gerät, auf eine Sandbank aufläuft und zerbricht.

Die Maltester haben keinen Grund freundlich zu den Schiffbrüchigen zu sein. Die, die nicht beim Zerbersten des Schiffs getötet wurden und die, die nicht beim Versuch ans rettende Ufer zu schwimmen ertranken, die hätten Sie einfach am Stand liegen lassen können. Sich selbst, der Brandung, dem Wind und den Wellen überlassen. Haben sie aber nicht.

„Sie waren uns gegenüber ungewöhnlich freundlich.“, sagt Paulus. Ungewöhnlich. Paulus hält das, was sie tun, nicht für selbstverständlich. Sie kommen nicht nur an den Strand gelaufen und helfen den müden und verwundeten Seeleuten auf, bringen ihnen wärmende Decken und Brot – stelle ich mir vor. Nein, Paulus berichtet, sie kommen an den Strand gelaufen und entfachen Feuer, an denen sich die Gestrandeten wärmen können. Und sie nehmen sie bei sich auf. Sie nehmen sie mit zu sich nach Hause; mit in ihre Häuser, mit zu ihren Familien. „Sie waren uns gegenüber ungewöhnlich freundlich.“

 

Das sieht heute anders aus. Wie viele Bilder sind in den letzten Jahren, seit die ersten Flüchtlingswellen den Mittelmeerraum und damit Europa erreicht haben, durch die Medien gegangen von viel zu vielen verängstigten und verzweifelten Menschen in viel zu kleinen und viel zu schlecht ausgestatteten Booten. Und immer wieder Bilder von Rettungswesten und Rettungsringen mit denen die Wellen spielen. Die, die sie retten sollen, liegen längst auf dem Grund des Meeres. Von ihnen gibt es keine Bilder mehr. Nur manchmal wird ein Körper angespült, wie Strandgut. Und freundlich geht keiner mit denen um, die da ganz gleich ob tot oder lebend angespült werden. Erbarmungslos wird Abzug um Abzug an die Medien verkauft. Nur, damit ich Abend für Abend erschüttert die Tagesschau sehe und Morgen für Morgen vergesse, dass mein Sommer, Sonne, Strand und Meer für andere rettendes Ufer und Sprung ins Ungewisse sind. Wie werden, die, die überleben aufgenommen? Freundlich?

 

Susan Sonntag hat vor vielen Jahren in einem Buch „Das Leiden anderer betrachten“ darübergeschrieben, dass wir Menschen diesen durch den Blick auf das Leiden dieser Welt brauchten, um uns selbst besser zu fühlen. Aber dass uns genau das auch abstumpfen und unsensibel werden lässt; ungewöhnlich unfreundlich, würde der Apostel Paulus vielleicht sagen. Wer läuft an den Strand aus mehr als Sensationslust? Und wer entzündet den Schiffbrüchigen unserer Zeit ein wärmendes Feuer und gibt ihnen stärkendes Brot? Wer nimmt sie mit zu sich nach Hause?

 

Wenige. „United4Rescue“ heißt eine Initiative der EKD, an der sich alle Gliedkirchen beteiligen und gemeinsam ein Schiff finanzieren, mit dem in Seenot Geratene buchstäblich aus dem Wasser gefischt uns ans rettende Ufer gebracht werden können. Ein schöner Gedanke. Ein Mut machender Gedanke. Ein lebensrettender Gedanke. Und ein Gedanke, der Menschen dazu veranlasst Morddrohungen auszusprechen. Ich betrachte das Leiden, ich leide medial aufbereitet mit, aber meine Tür öffne ich nicht. Warum? Das ist schwer zu sagen. Denn fremd ist ja nicht gleich feindlich. Sondern bereichernd, horizonterweiternd, verbindend.

 

Die Impulse für die Gebetswoche für die Einheit der Christen kommen in diesem Jahr aus Malta. Von der kleinen Insel, auf der zu Paulus‘ Zeiten ungewöhnlich freundliche Menschen leben und die heute meinen Blick dafür weiten wollen, dass mir nichts genommen wird, wenn ich einem Fremden freundlich begegne, sondern dass ich etwas gewinnen. Freundlichkeit. Einander Freund werden. Einander Heimat werden. Unter anderem ein wichtiger Aspekt für die Ökumene – weltweit, aber besonders im eigenen Strandabschnitt, an dem dann und wann ein Fremder anlandet oder Schiffbruch erleidet. Wie nehme ich ihn auf?

 

Im Wort Ökumene steckt das griechische Wort für „Haus“. Und in hellenistischer Zeit bedeutet „oikos – Haus“ so viel wie „Familie“. Und damit sind auch die gemeint, die als Fremde im Haus ein Bett und Brot angeboten bekommen. Sie gehören dazu. Ganz selbstverständlich. Jedes Haus, jede Familie hat ihre eigenen Spielregeln. Die werden nicht mit jedem Fremden ausdiskutiert. Aber eine wichtige Spielregel ist, freundlich miteinander umzugehen, einander anzuhören und miteinander das Brot zu brechen. Und ab und an beinhaltet das auch, sich selbst zu überdenken und – um im Bild zu bleiben – zu neuen Ufern aufzubrechen.

 

Auch das sieht heute anders aus und scheint mehr zu sein, als ich von der Ökumene, von meiner Familie in Christus zu erwarten habe. Was ist aus dem Gemeinsamen geworden?

Meine Eltern hatten so ein Ritual. Über den Tag konnten meine Schwester und ich uns untereinander und auch mit unseren Eltern und Großeltern streiten und wild diskutieren und mit den Türen knallen. Aber abends beim Abendessen kam alles nochmal auf den Tisch. Keiner von uns ging schlafen, bevor wir uns nicht wieder auf die Spielregeln unseres Zusammenlebens verständigt hatten.

So stelle ich mir die Ökumene vor. Tagsüber können wir unterschiedlicher Meinung sein, wild diskutieren und mit den Türen knallen. Aber am Abend, am Tisch des Herrn, sollten wir einander in die Augen sehen können und darin das Brennen des eigenen Herzens widerscheinen sehen. Und dann als geliebte Kinder Gottes und als nicht immer liebe- und verständnisvoll miteinander umgehende Geschwister wie es in der Apostelgeschichte heißt: beten und brotbrechen. Und das – nur um es noch deutlicher zu kriegen – nicht jeder an seinem eigenen Tisch und nicht jeder zu einer anderen Zeit, sondern zusammen.

 

Nun beten ist ein Anfang. Aber, da geht noch was. „Ungewöhnlich freundlich“, das ist der Maßstab, den Paulus setzt. Die Messlatte hängt hoch. Und sie darf angerissen werden. Aber wir müssen bereit sein, uns mehr als nur gegenseitig zuzuwinken, Rederecht einzuräumen und nebeneinander gleiche Dinge zu tun. Lasst uns miteinander am „oikos“, am Reich Gottes bauen. Und lasst uns „ungewöhnlich freundlich“ Fremde aufnehmen, Fremdes annehmen. Und all die Menschen stützen und stärken, die wie die Malteser zur Zeit Paulus‘, an den Stränden dieser Welt wärmende Feuer entzünden. Und lasst uns denen Meerwasser und Sand in die Feuer schütten, die sie nur schüren, um Angst und Schrecken zu verbreiten. Lasst uns das in Gottes Namen gemeinsam tun.

Amen

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