Predigt am Karnevalssonntag 2020

Predigttext Lukas 18, 31-34

31 Er nahm aber zu sich die Zwölf und sprach zu ihnen: Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn. 32 Denn er wird überantwortet werden den Heiden, und er wird verspottet und misshandelt und angespien werden, 33 und sie werden ihn geißeln und töten; und am dritten Tage wird er auferstehen. 34 Sie aber verstanden nichts davon, und der Sinn der Rede war ihnen verborgen, und sie begriffen nicht, was damit gesagt war.

Nachfolge? D’r Zoch kütt!

„Bützje, Kamelle, Strüßje, …!“ Wir stehen zusammen am Straßenrand. Warten auf einen von vielen Karnevalszügen. Auf Kamelle, Tröten und Clownsnasen. „Alaaf!“

Du trägst schwarz-weißes Schachbrettkaro und ich Locken in Regenbogenfarben. Du dein „jeckes“ Hütchen mit schwarzer Feder und roter Rose; ich passend zu den Locken bunten Tüll und Tränen quer über beide Wangen. Denn so ganz „vergnügt, erlöst, befreit“ bin ich in diesem Jahr nicht.

Zwischen den Reiterchors, Fahnenschwenkern und Trommlern, mitten im bunten Treiben auf der Straße, gehen mir Worte von Dietrich Bonhoeffer nicht mehr aus dem Kopf:  „(…) dass Gott (…) auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will.“

1934 schreibt Bonhoeffer das als Glaubensbekenntnis auf. Vertrauensworte. Worte voller Zuversicht, aber auch voller düst‘rer Ahnung und bitt’rer Tränen.

 

Hier und heute „kütt d’r Zoch“: knallbunt und laut. Du und ich. Wie immer mitten drin.  Wir versuchen die düst‘re Ahnung hinter uns zu lassen. Und die bitt’ren Tränen auch. Aber so richtig gelingen will es uns nicht.

Nach all den Rufen: „Versenkt das Schiff und lasst die einfach im Meer ertrinken!“ Der beschämenden Wahl in Thüringen. Den feigen Morden in Hanau; Mit all dem Schrecklichen der letzten Zeit im Herzen – allem voran Halle und den Äußerungen: „Stellt euch nicht so an, war doch nur ne Tür!“ – kann ich nicht aufhören, über Bonhoeffers Worte nachzudenken: „In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.“  Ist sie nicht. Im Gegenteil, ich hab‘ heftig Pudding in den Knien.

Dietrich Bonhoeffer ist 1945 von den Nationalsozialisten ermordet worden. Das ist jetzt 75 Jahre her. Und sicher war er „keine kölsche Jeck“.  Aber seine Worte drücken aus, was im Karneval Gesetz ist: „Leben und leben lassen.“ Daran möchte ich mich von Herzen gerne halten.

 

Da stehen wir also. Du und ich: „D’r Zoch kütt“ und der Prinz auch. Die Menge ruft begeistert: „Strüßje!“. Und der Prinz wirft: „Bützje, Kamelle, Strüßje, …“ Die Menge streckt einen – manchmal beide Arme – nach oben, fast in den Himmel hinein und jubelt begeistert: „Alaaf!“ Was ich höre ist: „Hosianna!“

Ein paar Tulpen landen vor mir im Straßengraben. Du stubst mich an: „Guck mal, Thüringer Tulpen!“, sagst du. „Hosianna!“, sag‘ ich.

 

Lukas 18, 32f. Denn er wird überantwortet werden den Heiden, und er wird verspottet und misshandelt und angespien werden, und sie werden ihn geißeln und töten; und am dritten Tage wird er auferstehen.

So heißt es im Lukasevangelium. Die dritte Leidensankündigung. Es ist grade nicht nur Karneval, sondern auch: Vorpassion. Freudenzeit und Leidenszeit. Dass das aber auch immer alles so nahe beieinander liegen muss.

Jesus erzählt seinen Freunden davon, was mit ihm geschehen wird. Sie können es nicht glauben: ausgelacht, bespuckt, misshandelt, gequält, getötet, … Das alles soll Jesus durchmachen müssen? Ein grausamer Scherz des Freundes. Ein grausamer Scherz in einer fröhlichen Welt. Es ist doch alles kunterbunt und laut. „Hosianna!“, rufen schon ein paar Leute, legen Blätter und Blumen auf die Straßen, feiern ausgelassen in den Straßen und sind: begeistert.

Aber Jesus sagt, das wird alles anders. Von wegen „Leben und leben lassen“.

 

Lukas 18, 34 Sie aber verstanden nichts davon, und der Sinn der Rede war ihnen verborgen, und sie begriffen nicht, was damit gesagt war.

Warum sollte ein Mensch auch einen anderen Menschen auslachen, bespucken, misshandeln, quälen, töten, …?

Ich verstehe das genauso wenig, wie die Freunde von Jesus. „Was soll das denn?“, frage ich dich. „Was hat dieser denn Böses getan?“, wird Pilatus später fragen. Und die Menschen, die gerade eben noch „Hosianna!“ riefen, rufen jetzt: „Kreuzigt ihn!“

 

Letzte Woche hat mir eine Freundin von der Taufe des Seenotrettungsschiffes SeeWatch4 geschrieben: Wie gut es sei, dass da ein 20m2 großer Raum allein für Frauen sei. Mit einer eigenen Waschgelegenheit. Im schlimmsten Fall könnten hier bis zu 60 Frauen und Kinder untergebracht werden.

Wie gut das sei. Mir hat sich alles zusammengezogen. So viele Frauen und Kinder auf 20m2 mit einer Waschgelegenheit. Was daran bei meiner Freundin Jubel auslöse, wollte ich wissen. Weißt du, schrieb sie, weißt du:

fast alle diese Frauen, die da aus dem Mittelmeer gezogen werden, haben sexuelle Gewalt erlebt, sind misshandelt und gequält worden, waren dem Tod ganz nahe. Da sind 20m2 der Himmel auf Erden. Dort hat kein Mann Zugriff auf ihre Körper und auf ihre Seelen. Sie können einmal tief durchatmen.

 

Ich frag‘ mich ja schon, wie da jetzt ernsthaft noch einer sagen kann: „Lasst die doch einfach im Meer ertrinken!“ Oder biblischer: „Kreuzigt sie!“ Denn mal im Ernst: „Was haben die denn getan?“

 

Vor uns liegen immer noch die paar Tulpen im Straßengraben.  „Strüßje“ gehören ja eigentlich nicht in den Straßengraben. Aber die „Thüringer Tulpen!“ haben wir beide trotzdem nicht aufgehoben. Dafür ist uns ein Lied eingefallen: „Heidewitzka!“ Natürlich singen wir gegen den Trend. Tun wir immer. Zum Leidwesen aller Umstehenden:

„Heidewitzka, Herr Kapitän, mem Möllemer Böötche fahre mer su gähn.

M'r kann su schön em Dunkle schunkele, wenn üvver uns de Sterne funkele.“

Das Liedchen von 1936 kann alles. Und ist alles andere als naive Rheinweinromantik. Wie der Kölner Clown Karl Küpper, haben auch Musiker, wie Karl Berbuer, Politik in den Karneval hineingetragen und mit Kamelle, Tröte und Clownsnase Haltung gezeigt. Manchem war’s zu viel Haltung. Der Kölner Clown hat zweimal in seinem Leben nen Maulkorb gekriegt. Einmal – man wundert sich nicht darüber – 1939. Denn, wer den Nazis sagt, dass sie dreckige Lumpen sind, hat Glück, nur einen Maulkorb zu bekommen. Das zweite Mal – und darüber sollte man sich wundern – 1952. Der Kölner Clown findet Köln noch nicht wieder bunt genug. Im Gegenteil, er hat das Gefühl, da ist reichlich brauner Bodensatz.

1952 ist auch das Jahr, in dem man sich in Bonn darauf einigt, dass Deutschland eine Hymne braucht. Richtig viel Auswahl gibt es nicht, also: die alte Hymne, nur eine andere Strophe. Im Ausland findet man: es geht ausgelassener, fröhlicher und vor allem unbelasteter und mit mehr Haltung.

Beim Staatsbesuch in Chicago spielt Die Kapelle zur Begrüßung für Konrad Adenauer: „Heidewitzka, Herr Kapitän.“ Der Bundeskanzler ist „not amused“ und mitsingen will er schon mal gar nicht. Deutschland hat eine Hymne. Und das ist nicht dieser Karnevalsschlager. Kein“ Müllemer Böötche“, keine funkelnden „Stääne“ über uns. Sondern Einigkeit und Recht und …

Frechheit aber auch!

Erst muss man diesen Kölner Clownsgesichtern Redeverbot erteilen. Und jetzt kommen die Amerikaner mit blöden Anspielungen. Hört das denn nie auf? Ist doch alles lange vorbei. Vergessen täte gut. Am besten alles vergessen.

Nee, besser nicht vergessen. Besser immer wieder dran erinnern, erzählen und zeigen. Was im schlimmsten Fall passieren kann? Im schlimmsten Fall schießt einer um sich, ruft „Lasst die doch einfach ertrinken!“ oder schreibt online so lange furchtbare Sachen, bis es einer nicht mehr aushält und sich selbst das Leben nimmt.

 

Mal ehrlich: „Heidewitzka, Herr Kapitän!“, wär‘ für mich als Hymne voll in Ordnung. „Unsere Stammbaum“ von den Bläck Fööss fänd‘ ich auch gut.  Oder „Levve und levve losse“ von den Höhnern. Rheinische Lebensfreude und Gedanken, wie „mir all, mir sin nur Minsche, vür‘m Herjott simmer glich“.

Ich kann mir Dümmeres vorstellen, was man in die Welt tragen könnte. Und es kommt den Worten Bonhoeffers nahe, die mir nicht aus dem Kopf wollen: „Gott [wartet und antwortet] auf verantwortliche Taten.“

 

Ein so eine verantworte Tat – finde ich – können Sie anders sehen, sind die „Thüringer Tulpen“. „Mir all, mir sin nur Minsche, vür‘m Herjott simmer glich“. Seh‘ ich genauso, wie die Bläck Fööss singen: Gottes Welt ist bunt und nicht braun und deswegen finde ich es richtig, denen bunte „Strüßje“ um die Ohren zu hauen, die sich in menschenverachtender Weise äußern und finden, sie haben mehr Recht zu leben als andere. „Gott [wartet und antwortet] auf verantwortliche Taten.“ Denn vor Gott sind alle Menschen gleich. Das glaube ich. Und davon singt’s nicht nur im Karneval laut aus mir raus.

 

Bleibt am Ende die Frage: Kannst Du mir bitte helfen, laut zu bleiben und mich nicht einschüchtern und kleinkriegen zu lassen. Alleine schaff‘ ich’s nämlich nicht, … die „Hosianna-Rufer“ werden lauter.

 

„Auferstehen“, sagst du. „Was?“, frage ich. „Du hast auferstehen vergessen.“, antwortest du. „Du hast alles Schreckliche aufgezählt, was Jesus passiert und genau, wie seine Freunde übersiehst du das Wichtigste.“ „Und das wäre?“, frage ich. „Dass am Ende das Leben über den Tod siegt. Dass Gott liebevoll die Tränen von deinen Wangen wischt.“, erklärst du. „Weil Gott auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will.“, frage ich. „Nicht nur kann und will“, sagst du, „sondern macht.“

 

D’r Zoch kütt. Und mit ihm ein Gott, der uns liebt – mich und dich – und der’s bunt mag. Also: „nachfolgen“! Am besten mit ner Clownsnase mitten im Gesicht und nem fröhlichen Lied auf der Tröte und Kamelle für alle in den Taschen. Amen

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