Liebe Gemeinde!
Auf dem Spielplan des Kölner Schauspielhauses steht zur Zeit „Warten auf Godot" von Samuel Beckett. Die Bühne ist leer, bis auf große Berge von alten Kleidern im Orchestergraben. Die beiden Hauptpersonen, Wladimir und Estragon, verbringen ihre Zeit mit dem sinnlosen Hin- und Hertragen der Kleiderbündel. Sie haben eine Verabredung mit einem gewissen Godot, der aber nicht kommt. Sie werden immer wieder hingehalten und müssen doch verzweifelt weiter warten. Die Kleiderberge, die Begegnung mit zwei weiteren Akteuren, Pozzo und Lucky, die – trotz ihrer clownesk geschminkten Gesichter – eine Art KZ-Kleidung tragen und in deren Beziehung sich Unterdrückung und Gewalt abbildet. Schnell zieht man als Zuschauer eine Parallele zu den Gräueln von Auschwitz und Birkenau, zu den Massenvergewaltigungen in Libyen. Das Stück ist bereits 1953 uraufgeführt worden und dennoch aktuell geblieben. Es ist transparent für die Erfahrung der Gottesleere und die Sinnlosigkeit des Daseins. Godot kommt nicht, so wie Gott uns oft fern bleibt. Verborgen. Das Warten auf ihn scheint vergebens. Offenbar müssen wir uns mit einer von Gott verlassenen Welt abfinden.
Das ist die Angst der Jünger, wie sie der Evangelist Johannes im Predigttext beschreibt. Sie müssen Abschied nehmen von Jesus, der von ihnen genommen wird und dem Tod entgegen geht. Sie fürchten sich vor dem Alleinsein in einer feindlichen Umgebung. Die Trauer über die bevorstehende Trennung verschlägt ihnen die Sprache. Sie sind stumm, fragen nichts, wollen nichts wissen, so dass Jesus sich wundert. Er selbst muss seine Anhänger trösten. Die Gegenwart Jesu hat ihnen Halt und Geborgenheit gegeben. Er hat ihnen gesagt, „wo es lang geht". In seiner Autorität haben sie die Kraft Gottes gespürt, mit der die Abgründe dieser Welt zu meistern sind. Und das soll nun vorbei sein? Jesus wird von ihnen gehen. Seine Anhänger sind zutiefst entmutigt. Sie warten nicht auf das Kommen Gottes. Sie fürchten Gottes Verschwinden. Das Ergebnis ist das Gleiche.
Viele Menschen empfinden heutzutage anders. Sie halten das „Warten auf Godot" für Blödsinn. Meinen, dass der Glaube der Freiheit des Menschen im Wege steht. Religion gilt als rückständig, so dass man sich als Skeptiker „outen" muss. Wenige Menschen wagen es heute, sich offen zu ihrem Glauben zu bekennen. Wer modern ist, hat mit Religion selbstverständlich nichts am Hut. Darüber können auch die erfreulich hohen Teilnehmerzahlen des Dresdner Kirchentages und unser gut gefüllter Dom nicht hinweg täuschen. Aber was soll an die Stelle des Glaubens treten? Ist es die resignative Haltung, die sich heroisch in einer sinnlosen Existenz einrichtet? Oder die Auslieferung an die Gesetze der Spaßgesellschaft und des Marktes, so lange das eben möglich ist? Man kann sich vom Glauben an Gott verabschieden. Aber dann wird die Frage nach dem Sinn umso dringlicher.
Die Frage nach dem Sinn des Lebens macht auch meinem Glauben zu schaffen. Gibt es eine vernünftige Antwort auf die Ungereimtheiten dieser Welt, auf den Wahnsinn und das gigantische Ausmaß an Leid? Wir leben nicht mehr in Zeiten der Fortschrittsgläubigkeit, in denen man meinte, mit Technik und Humanität die Welt verbessern, den Hunger auszurotten, die Krankheit besiegen und der Gewalt ein Ende setzen zu können. Naturkatastrophen, die Kriege unserer Zeit, die Gewaltbereitschaft, wir denken an den 14jährigen Selman und an seinen 14 Jahre alten Totschläger, zuletzt die Katastrophe von Fukushima, haben eine Ernüchterung gebracht, die nicht selten in Panik umzuschlagen droht. Wie bekommt man die Gefahren in dieser Welt in den Griff? Die Jünger/-innen Jesu haben Angst. Viele Menschen heute ebenfalls. Es ist die Angst vor der Zukunft, vor dem Ausgeliefertsein an ein rätselhaftes Schicksal, vor kosmischer Obdachlosigkeit. Leben wir allein in einer seelenlosen und absurden Welt, in der Hoffnung, Zuversicht und Geborgenheit bloße Illusionen sind?
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Jesus antwortet mit einem klaren „Nein". Die Seinen werden nicht alleine bleiben. Er verspricht ihnen den „Geist der Wahrheit". Der wird ihnen Trost und Unterstützung geben. Der Geist wird die Sache Jesu fortsetzen und die Wahrheit über diese Welt aufdecken. Nach Jesu Weggang wird es Pfingsten werden. Der Predigttext von heute weist auf das Pfingstgeschehen voraus, von dem uns Lukas in der Apostelgeschichte berichtet. Die Freunde Jesu haben es erlebt. Nach seinem Tod waren sie wie versteinert. Von der Welt abgewandt, versuchten sie, mit ihrem Schmerz und ihrer Enttäuschung fertigzuwerden. Der Geist der Niedergeschlagenheit hielt sie im Würgegriff. Ihr Leben war leer und öde geworden. Wie Waisenkinder, verlassen und allein. Aber Jesus war auferstanden. Und Gott füllt ihre innere Leere mit befreiendem Geist, mit Feuer und Lebenskraft, mit Hoffnung für sich und die Welt. Heiliger Geist, das heißt, Gott hält es nicht mehr in seinem Himmel. Gott macht sich so klein, dass er in unserem Menscheninneren Platz findet, in der Enge unseres Herzens. Tröstend, wenn es in uns weint, stärkend, wenn Zweifel uns auffressen und wenn wir nicht beten können, vertritt er uns mit unaussprechlichen Seufzern. Aber noch mehr. Gottes Geist öffnet ihnen den Mund. Schlichte Frauen und Männer fangen an zu erzählen, was ihnen Gottes Kraft für ihr Leben bedeutet.
Liebe Pfingstgemeinde, Gott sei Dank wirken in unseren Gemeinden viele Menschen mit. Sie stellen Haushaltspläne auf, singen, besuchen die Kranken, verteilen den Gemeindebrief, backen Kuchen – aber über ihren Glauben sprechen sie, sprechen wir nicht. Die Freunde Jesu haben erlebt, wie Gottes Geist ihnen eine neue Sprache schenkt. Wir brauchen in unseren Kirchen Menschen, die neben allen Taten auch von ihrem Glauben sprechen. Von großen und kleinen Wundem. Davon, dass Gott auch bei REWE wirkt und manchmal sogar bei BAYER. Davon zu hören und zu erzählen, täte uns allen gut. Unsere Kinder müssen wissen, was uns Große hält und trägt, auch in Lebenskrisen. Eine herausfordernde Aufgabe für Eltern und Paten von Louisa, die wir gleich taufen werden.
Liebe Gemeinde, der Pfingstgeist will Verständigung zwischen Menschen, die sich sonst nicht verstehen. „Ihr versteht mich nicht!", sagen Jugendliche zu ihren Eltern. „Du kannst mich nicht verstehen", sagen Frauen zu Männern und Männer zu Frauen. Wir leben in einer Kommunikationsgesellschaft, die die ganze Erde umspannt. Mit facebook, youtube, twitter, sogar mit Odenthaler Dorfklatsch. Aber wir verstehen uns deshalb noch lange nicht. Dass Menschen sich verstehen, versteht sich nicht von selbst. In der Pfingstgeschichte überwindet Gottes Geist Sprachbarrieren. Wir müssen in unserer Welt zeigen, wes Geistes Kinder wir sind. Wie unser Glauben unser Handeln prägt. Das ist nicht immer leicht, auch nicht immer konfliktfrei.
Noch immer wird den Kirchen zugetraut und zugestanden, dass sie unbequeme und sperrige Dinge ansprechen, den Schutz des Lebens, die Würde des Alters, die Sorge um den Frieden und die Bewahrung der Schöpfung. Im Mittelpunkt steht unser Glaube.
Was ist der Glaube? Mit Luther sage ich: „Eine lebendige, verwegene Zuversicht auf Gottes Gnade.“ Ja, verwegen ist es, sich nicht allein auf sich selbst, sondern auf Gott zu verlassen, in diesen Zeiten.
Und solche Zuversicht und Erkenntnis göttlicher Gnade macht „fröhlich, trotzig und lustig, gegen Gott und alle Kreaturen, das wirkt der Heilige Geist im Glauben.“
Fröhliche, trotzige und lustige Christen braucht die Welt – kein Problem für uns ökumenisch gesinnte Rheinländer, „denn et hätt noch immer joot jejange“ – dazu helfe uns allen Gott.
Amen
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