Liebe Festgemeinde am Reformationstag, Friede sei mit uns und durch uns. Amen.
Als Sie in den Dom kamen, hat sich Ihnen der Reformator persönlich in den Weg und ins Blickfeld gestellt. Martin Luther, aus rotem Plastik, steht vor dem Weihwasserbecken. Der Reformator in rot, ein rotes Tuch für viele bis heute. Die evangelische Domgemeinde hat diese Lutherstatue nach einer Kunstaktion von Ottmar Hörl erworben. 800 farbige Lutherstatuen stellte der Künstler im Sommer auf dem Marktplatz von Wittenberg auf, um, wie er sagte, den Reformator in der Lutherdekade ins Blickfeld zu rücken. Der Wittenberger Theologe Friedrich Schorlemmer hatte die Aktion als "peinlich" bezeichnet.
Wie peinlich ist es für uns, an diesem sperrigen Gedenktag festzuhalten? Wie viel leichter wäre es, sich dem allgemeinen Halloweentrubel am verkaufsoffenen Sonntag hinzugeben. Müssen die Protestanten denn immer so streng sein? Nein, wir feiern heute kein amerikanisches Brauchtumsfest, so sehr ich den Kindern auch ihre Hexen- und Vampirkostüme gönne. Und auch wenn wir im Trauermonat November intensiver als sonst an unsere lieben Toten denken und ihre Gräber besuchen, eins ist sicher: sie brauchen keine Fürbitte aller Heiligen, schon gar nicht mit Weihrauch schwenkender Reliquienprozession hier im Dom! Denn längst schon sind sie in Gott geborgen. Worum geht es dann? Es geht um eine bahnbrechende Erkenntnis, die zuerst der Jude Paulus und dann der Mönch Martin Luther gemacht haben: Gott ist gnädig und gerecht! Mit uns!
Es gibt einen schönen alten Film mit Heinz Rühmann: Der Hauptmann von Köpenick. Vielleicht haben Sie ihn mal gesehen. Aus dem Schuster Willem Voigt, einem kleinen Mann ohne Ausweis, ohne Arbeit, ohne festes Zuhause, wird der "Hauptmann von Köpenick". Soldaten und Zivilisten folgen seinen Befehlen, weil er eine Uniform trägt, also ein mächtiger Mann ist. Dieser Willem Voigt philosophiert über den Sinn des Lebens:
"...und denn, denn stehste vor Gott dem Vater, stehste, der allens jeweckt hat, vor dem stehste denn, und der fragt dir ins Jesichte: Willem Voigt, wat haste jemacht mit dein Leben? Und da muss ick sagen – Fußmatte, muss ick sagen. Die hab ick jeflochten im Jefängnis, und denn sind se alle druff rumjetrampelt, muss ick sagen. Und Gott sagt zu dir: Jeh weck! sagt er! Ausweisung! sagt er! Dafür hab ick dir det Leben nich jeschenkt, sagt er! Det biste mir schuldig. Wo is et? Wat haste mit jemacht?"
So halten wir nun dafür, daß der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben (Römer 3) – Worte aus dem Römerbrief und vorher die Lebensbilanz des Schusters Willem Voigt – dazwischen liegen Welten: hier Gerechtigkeit und da Ausweisung, hier Erlösung und da Gefängnis, hier Gnade und da Fußmatte.
Können wir mit solchen Spannungen und Widersprüchen umgehen? Es wäre gemein, von Willem Voigt zu verlangen: Begnüge dich mit Fußmatte! Dein Leben ist nun einmal völlig schief gelaufen – und schief gelaufen ist auch deine Bekanntschaft mit Gott. Du kennst Gott eben nur als den Fordernden und Richtenden, als einen Erbsenzähler guter Taten – nicht als den, für den der Wert eines Menschen unabhängig ist von dessen Werk. Da kann man eben nichts machen.
Da kann man eben nichts machen? Dabei kann es doch unmöglich bleiben! Aber damit es anders wird, ist eine Wende des Blicks, ein Perspektivwechsel notwendig.
Schuster Voigts Worte, seine Lebensbilanz, sind anrührend! Und er stellt mir die Frage: Wie siehst du dein Leben? Wie gehst du denn um mit den Brüchen und dem Versagen in deinem Leben?
Zu einem klaren Blick auf das Leben will Paulus uns verhelfen, wenn er schreibt: So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben. |
Ein schwieriger Satz, dieser Hauptsatz der Reformation. Ich versuche, ihn zu übersetzen:
Du bist gut in den Augen Gottes, weil du geliebt bist! Du mußt nicht erst gut sein, um geliebt zu werden. Du brauchst nicht mehr so angestrengt, so überanstrengt um deinen Platz in der Welt, um dein Profil zu kämpfen – du kannst vertrauen, dass Gott dich kennt.
Der Glaube hilft uns Menschen, zur Welt zu kommen. Der Glaube mutet uns das Eingeständnis zu, weder unfehlbar noch unschuldig zu sein. Eine sperrige Erkenntnis.
Wir feiern, liebe Gemeinde, heute Reformationsfest. Wir erinnern uns daran, dass Martin Luthers Lebensbild jahrelang schief hing, weil sein Gottesbild schief war. „Jeh wech! sagt er! Ausweisung! sagt er!“ Ein solches Urteil, eine solche Verurteilung durch Gott erwartete auch Luther – bis es ihm wie Schuppen von den Augen fiel: Gerechtigkeit ist zuerst und zuletzt das, was Gott gibt, und nicht das, was Gott fordert.
Das Reformationsfest erinnert uns auch daran, dass Luther diese Revolution im Verständnis von Religion entdeckt hat. Vor der üblichen Frage: "Was müssen wir tun?" kommt die ungewöhnliche Frage: "Von wo empfangen wir etwas?" (Heinz Zahrnt).
Religion ordnet die Rangfolge dieser Welt neu: Zuerst die bittenden Hände, zuerst beschenkte, begnadete Menschen, dann die tätigen Hände, die das Empfangene austeilen. Du musst dich nicht erst hineinarbeiten in das Vertrauen Gottes – aus diesem Vertrauen lebst du! Das ist die Quelle christlicher Gemeinde- und Sozialarbeit. Menschen müssen nicht dem Entwurf entsprechen, den wir von ihnen haben. So wie sie sind, sind sie erst einmal richtig in den Augen Gottes.
Dieser Perspektivenwechsel täte uns in unseren tagespolitischen Diskussionen gut. Dann könnten wir in der Migrationsdebatte aufhören, jeden Muslim für die desolaten Zustände in einem Land, aus dem er nicht kommt, und für die religiöse Praxis, die er nicht ausübt, verantwortlich zu machen. Wir bekämen einen Blick für die Stärke, die Hartz IV-Familien aufbringen können, um in einer Geiz-ist-geil-Welt zu überleben.
Luther war seiner Zeit weit voraus. Weit voraus ist er auch unserer, ist er jeder Zeit, solange es Menschen gibt, denen es wie dem Schuster Willem Voigt ergeht. In Zeiten, in denen der wirtschaftliche Erfolg über allem steht und wir uns daran gewöhnen, ganze Menschengruppen als Kostenverursacher zu sehen: Hartz IV, Pflegebedürftige, Migranten.
Martin Luther erinnert uns: Ein Mensch ist mehr wert als jeder mögliche Mehrwert!
Martin Luther hilft uns auch zu einem Verständnis des alten Begriffs Gnade. Gnade bedeutet: Klar erkennen zu können, was und wieviel im eigenen Leben Fußmatte ist, und sich dennoch dem Himmel nahe zu wissen .
Der Schuster Willem Voigt bekommt schließlich doch seine Papiere. Am Ende lachen wir darüber, wie er unsere menschliche Eitelkeit und Scheinheiligkeit entlarvt. Aber manche von uns, die sich in Wilhelm (!) Voigt wiedererkennen, wir alle, brauchen noch ein bisschen mehr: Worte, mit denen man leben und sterben kann:
„Du gehst am Schluss nicht leer aus. Du kannst jetzt schon sagen: Ich bin gewollt, geliebt, gebraucht."
Wir können auf Reformation nicht verzichten. Amen. |