Zwiesprache mit dem Engel - Predigt zu Michaelis, 29.09.2019

Hallo Michael,

du da hinten an der Wand.

Von mir aus auf der linken Seite.

 

Heute ist Dein großer Tag:

Michaelis -Tag der Erzengel und aller Engel.

Heute beginnt die dunkle Jahreszeit, du bist zuständig für den Herbst. Bald haben Du und Deinesgleichen Hochkonjunktur: Engel und Engelchen wird man wieder überall sehen.

Mehr oder weniger kitschig, in allen Größen und Farben, harmlose Deko. Nur noch eine schwache Erinnerung an das, was du eigentlich bist: Ein Bote des Göttlichen, eine starke Kraft, gegen das Böse. Einer, der teuflische Mächte vertreiben kann. Bei den Taufeltern blitzt etwas von dieser Kraft der Engel auf, wenn sie für ihre Kinder den Schutz eines Engels erbitten.

Aber sonst seid ihr Engel eher niedlich, süß, harmlos. Ich liebe euch sehr, auch in niedlich und hab oft genug um euren Schutz für mein Kind gebeten: Gott hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen. – naiv – kann sein. Aber wenn mit dem Jungen was ist, dann hoffe ich mit meinem ganzen Kinderglauben, dass ihr an seiner Seite bleibt.

Michael, du bist ja ein ganz Besonderer, ein Ober -oder Erzengel. Ein Chefengel. 4 gibt es von euch: Gabriel, der Maria die Geburt des Jesuskindes verkündete – wir haben ihn auch hier im Dom, Uriel, der mit der Posaune das Jüngste Gericht ankündigt, Raphael als Wegbegleiter im Buch Tobit. Ihr seid für alle zuständig: Juden, Christen, Muslime.

Du, Michael, wohnst schon lange hier im Dom, seit 1938 oder 39. Hast also in diesem Jahr auch ein Jubiläum. In unseren Dom bist Du zusammen mit einer Gedenktafel für die Gefallenen des 1. Weltkrieges gekommen, so wie in vielen Kirchen Deutschlands. Die Tafel ist weg, du bist noch da. Der Drache, den Du ja besiegt hast – nach den Worten der Offenbarung – ist dein treuer Begleiter. Fast wie das Hündchen, das deinen Kollegen Erzengel Rafael begleitet.

Irgendwie verdreht, deine Rolle als Soldatenengel, denn du bist doch gerade der, der das Böse in Schach halten soll. Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein. Und auch vermeintlich gerechte Kriege fordern unzählige Tote. – Vielleicht hast du dich deshalb insgeheim gefreut, als die katholische Jugend vor vielen Jahren begonnen hat, das Bethlehemer Friedenslicht von hier aus weiterzugeben. Und vielleicht verdanken wir es dir und deinen Kollegen, dass immer noch, trotz mancher Querelen, eine starke vereinende Macht von dieser Kirche, diesem Ort ausgeht.

Michael, du hast eine lange Geschichte mit uns Deutschen. Seit mehr als 1000 Jahren giltst du als der, der dieses Land beschützt. Du bist der deutsche Michel, den spätere Generationen mit Kerze und Schlafmütze verunglimpft haben.

Eigentlich bist du hellwach und auf der Hut vor allen lebenszerstörenden Kräften. Du bist der Schutzpatron der Fallschirmspringer, na gut, - du bist der Engel mit dem Flammenschwert, der Wächter der Paradies Tore. Du beschützt Israel von alters her, du krönst die Engelsburg in Rom, du bist der Jeanne d’Arc im Traum erschienen, behütest die Polizisten in der Schweiz. Du hast die Waage in der Hand, auf der du am Ende der Zeit wiegst, was unser Leben wert war. - Die fernsten Inseln tragen deinen Namen.

Du und deine Kollegen, ihr seid keine „metaphysischen Fledermäuse“, wie mal jemand gesagt hat. Ihr seid personifizierte Schutzkräfte für uns Menschen, die Gottes Gegenwart verkörpern.

Durch euch Engel wird Gottes Handeln in der Welt anschaulich und erzählbar.

In der Werbung sind Engel weiblich, blond und schön. Oder gutaussehende Angestellte der Provinzialversicherung mit Leuchtflügelchen. Mit den echten Engeln als Bodenpersonal Gottes hat das nichts zu tun.

 

Luther hat auch über dich – Michael – und deinesgleichen gepredigt. Er soll gesagt haben: „Wo zwanzig Teufel sind, da sind auch hundert Engel. Wenn das nicht so wäre, dann wären wir längst zugrunde gegangen.“ Harmlos seid ihr nicht, niemals!

Ihr seid das energische Dazwischen: Zwischen Menschen, zwischen Gott und der Welt. Himmlische Briefträger, manchmal. Gottes Streetworker, oft erst erkannt, wenn ihr wieder weg seid: Da hab ich aber einen Schutzengel gehabt. Ihr seid in den Händen derer gewesen, die bei der Tafel anpacken, die den Geretteten die Wolldecke um die Schultern legen, das Pflaster aufs blutende Knie kleben. – Macht ihr das noch, ihr Engel? Beschützen, befreien, helfen, heilen, trösten? – Haut bloß nicht ab, zurück in den Himmel, wir brauchen euch auf der Erde. Vielleicht jetzt noch mehr als früher.

 

Was sagst du, Michael?

Ach so…, ihr braucht uns.

Amen.

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